Von Rudolf Pannwitz

Robert Böhringer: Mein Bild von Stefan George. (Helmut Küpper vormals Georg Bondi, München, 239 S., 175 Tafeln, Leinen 32,50 DM).

Jeder große Tote erlebt nach seinem vollbrachten „corso“ auf dieser selben Erde einen gleich und anders gearteten „ricorso“: die nicht mehr körperliche und nicht nur geistige Wiederkehr. Das George-Werk von Böhringer, dem Verwalter und Herausgeber des Nachlasses, steht schon in dieser Epoche und trägt ihre Züge.

Es handelt sich bei George längst nicht mehr nur um den Dichter. Mehr und mehr tritt ein anderer George hervor: durch die Überlieferung von Gesprochenem der Sprecher und durch die von Gelebtem der Menschenbildner. Seine Worte, Antworten und kurzen Sätzefolgen sind um nichts geringer als die Gedichte. Sie sind Sprache aus der ungefaßten Quelle, ursprünglich geformt. In ihnen blüht, stets überraschend, wie am helllichten Tage der Goldschatz eines unsichtbaren und unhebbaren Reiches. Sie haben das gemeinsam mit orientalischen und antiken Sprüchen, Urteilen und Entscheidungen, die verstummen machen, da sie nicht in vertraute Reihen einfügbar sind, sondern aus einem Räume kommen, der ein Jenseits innerhalb des Diesseits ist. Um den Menschenbildner George geht es vor allem in Böhringers Werk.

„Mein Bild von Stefan George“ ist zunächst wörtlich zu verstehn, Der Bildteil (175 Tafeln!) greift bis auf die Ahnen zurück, bringt die Landschaften, Häuer, Stuben, Gärten von Anfang bis Schluß den Umkreis verbundener Personen, dazu Handschriften und Dokumente. Warum das? Weil diese ideelle Welt eine schaubare, greifbare ist. Die überaus zahlreichen Bildnisse von George selbst hat Böhringer durch deutende Beschreibungen, die fast Unsagbares sinnlich zeigen, tief aufgeschlossen. Der Text steht zwischen einem Kommentar dazu, biographischem Material und einer Biographie. Daß er fragmentarisch bleibt und auf äußere Vollständigkeit verzichtet, doch gesättigt voll ist von wirklicher Erfahrung und Erkenntnis; daß er. Zeugen und Zeugnisse, so viele nur erreichbar sind, heranzieht und selber sprechen läßt, auch wenn sie sich oder George widerstreiten; daß er bei unbedingter Verehrung und ohne Preisgabe mit einem souveränen Taktgefühl auch die Diskretion „handhabt“: dadurch vermeidet der Text die unschuldig und schuldig so oft geübte Aufblähung zum Pseudo-Mythos. Die reichen, leicht und sicher geordneten und schlicht und wahr gedeuteten Spiegelungen führen hinaus über „mein Bild“ und erreichen ohne Konstruktion eine aus ihnen allen geborene Realität.

Georges Dichtung ist rein geschichtlich für das 20. Jahrhundert das, was für das 18. die von Klopstock war; und mehr, da sie das Erbe von zwei Jahrhunderten antrat und auch so Urgeburt war. Sie selbst ist unvergleichbar, ein neuer Typus am Anfang einer neuen Epoche. Ihre Art ist aber so eigen und ihre Wucht so stark, daß ihr Stil, nachgeahmt, zur Manier wird. Etwas anderes ist, daß zu jeder Kultur die Übung und Ausübung des Musischen gehört und man das weder zu leicht noch zu schwer nehmen soll. George erzählte, daß ein junger Dichter angstvoll zu Mallarmé – dem strengsten Meister! – kam: er wisse, daß seine Gedichte nichts sind, aber er müsse sie machen, worauf Mallarmé antwortete: „Faire des vers, c’est toujours bien“. – George wollte das Element der Dichtung erhalten und erneuern und pflanzte die jungen Menschen hinein. Die festgehaltene Form großer Dichtung sollte die Jugend im Empfängnisalter durchdringen und bilden. Das war die Stiftung eines Mysteriums – aber, wie es sein muß, mit Schule und Schularbeit. Solche der Jugend, in denen „das Eigentliche“ sichtbar war, wurden erweckt und erzogen. Einmal erlebte George den „Gott“ selbst: Maximin. Wobei man nicht vergesse, daß Erlebender, Erlebter und Erlebnis eins sein müssen, damit eine Epiphanie, das ist Realisation, geschehe. In der Folge wechselten die, welche George am nächsten standen, auch ohne Konflikt. Er entfaltete die Person wie die Situation bis zu ihrer erringbaren Höhe, wenn diese nicht zu überschreiten war, schritt er weiter. Es scheint, daß er unablässig gesucht hat. Letztes, Allerletztes zu finden. Doch er war nüchtern: „Ich muß die nehmen, die da sind, mit Besseren, die nicht da sind, kann ich nichts anfangen.“ Böhringer fügt hinzu: „Wenn man aber aufschreibt, wer mit ihm in Verbindung war von Hofmannsthal bis Stauffenberg, so sind manche darunter, ‚deren Namen blitzen‘, und wenige ohne Rang.“

Auch die Kämpfe und Zerwürfnisse sind dargelegt, ja bloßgelegt. In den wesentlichen Fällen sind sie ganz Schicksal und Tragödie. An Hofmannsthal scheiterte George mit seiner noch so verhaltenen Leidenschaft des Erziehens. Es stand hier schon gegeneinander, was Verwey später nannte: „die Herrlichkeit der Welt“ – bei Hofmannsthal – und „die Majestät des Menschen“ – bei George. Georges „Kreis“ war ungeschlossen, nicht durch Riten bestimmt. Er selbst aber war Prophet und Priester, dazu von herrscherhafter Dämonie. Das zurückzustellen, vermochte er auf das zarteste, es zu verleugnen wäre unmöglich gewesen. Dadurch – mehr durch die Legende davon – wurde mancher ferngehalten, mancher zum Aufruhr gebracht. George selbst mußte, um als einziges Riff dem wegspülenden Ozean entgegenzustehn, seine Prägung unerschütterlich wahren und, noch so ungewollt, einen Bann üben. Daß dieser auch zur Verzweiflung treiben konnte, zeigt die Loslösung von Kommerell.