Von Paul Hühnerfeld

John Home Burns: Die Galerie (übersetzt von Günther Birkenfeld, Stahlberg-Verlag, Karlsruhe, 573 S.).

James Wakefield Burke: Die große Vergewaltigung (übersetzt von Werner Asendorf, Friedrich Rudi Verleger-Union, Frankfurt a. M., 248 S., 6,80 DM).

Ich erinnere mich. In Neapel brach mir das Herz. Schuld daran war nicht ein Mädchen, sondern eine Erkenntnis: in meiner Kindheit lehrte man mich stolz darauf zu sein, daß ich ein Amerikaner sei... Ich glaubte daran, daß die amerikanische Lebensform einen hohen Gedanken verkörperte, den Gedanken der Freiheit... Nachdem ich einige Zeit in Neapel geweilt hatte, mußte ich jedoch erkennen, daß Amerika ein Land wie jedes andere ist, nur... fortgeschrittener in der Kanalisation.“

Dies schreibt der GI John Home Burns. Er hat in Casablanca das Abendland betreten, obwohl Casablanca noch afrikanisch ist. Er ist nach Neapel gekommen, und er beobachtet auf der Galleria Umberto Primo, einer Passage, die „eine Kreuzung aus Bahnhofshalle und Kirchenschiff“ ist, die Spaziergänger. Sein gebrochenes Herz aber verschärft diesen Blick. Und da zeigt sich bei seinen eigenen Landsleuten: die meisten haben vor der Prüfung Europa versagt.

Versagt hat, so ist’s aufgezeichnet in seinem Buch, die Helferin Louella, die „seit der Zeit der psychiatrischen Übungen im College von Symbolerscheinungen nicht mehr heimgesucht“ wurde. Louella hat Gottes eigenes Land verlassen, um den GI’s in Übersee zu helfen: „Sie hatte davon gelesen, daß die GI’s die Benachteiligten in der demokratischen Armee wären. Doch gelang es ihr nicht, ihnen richtig nahe zu kommen ... Mit der Zeit gelangte Louella zu der Überzeugung, daß ihre Aufgabe auf einer etwas höheren Ebene lag. Die Offiziere zum Beispiel waren noch viel verlassener...“ Diese Amerikanerin hat ein italienisches Dienstmädchen. Es ist für sie die Inkarnation des Italienischen, ja sogar des Europäischen. Aber dies Mädchen! Kaum ist Louella aus der Wohnung, „das wußte sie genau, amüsierte sich die Signorina mit einem Fischerbengel ... auf ihrer Couch. Dann lachten sie über die Alliierten, hängten Roosevelts Bild verkehrt rum auf und trieben es zusammen bis in den Abend...“

Versagt, aber auf andere Weise, hat auch jener amerikanische Hauptmann, der im Krieg den befohlenen Kreuzzugsgeist verloren hatte und zum Nihilisten geworden war. Im amerikanischen Offiziersklub zu Neapel erzählt er nach dem zweiten Glase Gin jedem, der es hören will, seine düsteren Prognosen: „Die Welt haßt... die Amerikaner, weil sie ... einfältig und phantasielos sind. Sie werden diesen Krieg gewinnen, sie werden Europa in den Zustand vor fünfzehnhundert Jahren zurückverwandeln. Dann werden ihre Geschäftsleute in die Höhlen von Mailand, Berlin und Tokio gehen und neue Gründungen aufziehen ... Wir vernichten die Ideen, um für unser Massendenken Platz zu schaffen ...“