Hans-Hasso von Veltheim-Ostrau: Tagebücher aus Asien (Greven Verlag, Köln, 420 S., Leinen 18,50 DM).

Man stiftet nur Verwirrung, wenn man sich – wie es heute vielfach geschieht – darauf kapriziert, das Sowjetsystem eine asiatische Erscheinung zu nennen. Mögen auch (mit dem Georgier Stalin angefangen) bei den Führern und in den Massen noch so viele und starke Elemente asiatischer (also nicht europäischer) Seelenhaltung zur Wirksamkeit kommen, so ist doch das System selbst in einer puren Diesseitigkeit und bis zur Unmenschlichkeit durchgezirkelten Rationalität eine äußerste Form der modernen europäischen Zivilisation. Asien selbst – die Hälfte der heutigen Menschheit also – liegt bislang außerhalb des sogenannten „Ost-West“-Gegensatzes, auch dort, wo es (wie im Fernen Osten) schon zum Kampfplatz dieses Gegensatzes geworden ist. Ob die asiatischen Hochkulturen, die islamische etwa, die indische oder die chinesische, sich im „westlichen“ oder „östlichen“ Sinn europäisieren lassen, darüber ist im voraus nichts auszumachen, das kann nur die Erfahrung der Zukunft lehren.

Beobachtung und Wahrscheinlichkeit sprechen dagegen. Im eigentlichen Asien, vom Vorderen Orient bis in die Südsee, trafen und treffen die Europäisierungsströme auf eine Schranke, die kaum, und gar nicht in Kürze, einzurennen sein wird: auf das Überlegenheitsbewußtsein des asiatischen Menschen gegenüber dem Europäer. Technik, Organisation, Machtentfaltung, Propaganda und christliche Mission – alles zusammen hat nicht erreichen können, daß die Moslim, die Hindus, die Buddhisten, die Taoisten und die Shintoisten ein anderes Verhältnis zu Leben und Tod gewannen, zu Sternenhimmel und Jahreszeiten, zu Anfang und Ende der Welt und zu Wert oder Unwert des eigenen, persönlichen Daseins. Asien „denkt“ nicht nur anders (und nach seiner Überzeugung wahrer) als Europa, es empfindet vor allem auch anders, voller, heiler und weniger auf des Messers Schneide.

Es ist darum nicht „konservativer“ (wie der auf seine Fortschritte pochende Euro-Amerikaner gerne meint). Die Invasion der europäischen Moderne mit ihrem Maschinendenken und ihrer sozial-materiellen Heilsverkündung hat als Reaktion nicht einfach stumpfes Beharren bewirkt, sondern sensibelste Selbstbesinnung, erneuertes Bewußtsein der eigenen Herkünfte – kurz, Re-Formationen der mannigfachsten Art, von denen die des großen Gandhi nur die am weitesten ausstrahlende ist. „Europa stört uns in unserem Gespräch mit uns selbst“ – so sieht, nach dem Bericht Hans-Hasso von Veltheims, ein führender indischer Denker die heutige Situation.

Die „Tagebücher aus Asien“, die dies Wort verzeichnen, sind nicht mehr und weniger als ein Grundbuch für jeden (und wer wäre das nicht?), der sich eine Vorstellung von den Chancen eines Menschheitsgesprächs (das eben ein Gespräch Europa–Asien sein wird) machen möchte. Veltheim kam nicht als Indologe nach Indien. Wohl war er Wissenschaftler (Archäolog, Historiker), mehr aber noch war er Sammler asiatischer Kostbarkeiten, und noch mehr war er und ist er (nun, nachdem er seinen Besitz in Ostrau bei Halle an die Sowjets verloren hat) ein denkender Mensch, dem der Überstieg über den Horizont des modernen abendländischen Weltgefühls dringlich erscheint. Seine wissende Aufgeschlossenheit für das „ganz Andere“ des asiatischen Lebens machte seine Reise so fruchtbar und gibt den Lesern seiner Tagebücher eine schier unerschöpfliche Gelegenheit zu Vergleichen an die Hand, die allesamt nicht zur Bestätigung euro-amerikanischen Kulturperspektiven dienen, wohl aber zur Förderung des Gesprächs Europa–Asien.

Ein besonders pralles Beispiel mag für unzählige stehen: Jedermann entsinnt sich des Aufsehens, das die Geburt der kanadischen Fünflinge machte; Reportagen, Bilderserien, Sammlungen – die Aufmerksamkeit eines ganzen Kulturkreises war angespannt. In einer hindustanischen Zeitung findet Veltheim eine Lokalnotiz von zwei Zeilen: eine Frau auf einem Dorf hat Siebenlinge zur Welt gebracht, zwei Jungen und fünf Mädchen. Zwei Zeilen – keine Agenturmeldung, kein Reporter, keine Publicity. Indien ist ganz anders.

Christian E. Lewalter