Ein Generalreferat über die Westberliner Wirtschaft ist der Jahresbericht der Industrie- und Handelskammer zu Berlin e. V. für ihr erstes volles Tätigkeitsjahr 1951. Auf Grund seiner Angaben ist zu ermessen, inwieweit die über 400 Mill. DM langfristigen ERP- und GARIOA-Kredite, die bis Ende 1951 in Westberlin ausgezahlt wurden, sich in der wirtschaftlichen Entwicklung niedergeschlagen haben. An der Zahl der Arbeitslosen von annähernd 300 000 hat sich zwar kaum etwas geändert, da allein 22 000 Westberliner aus ihren östlichen Arbeitsstätten entlassen wurden, die Zahl der Kurzarbeiter zurückgegangen ist und neue Arbeitskräfte aus der Sowjetzone zuströmen. Sichtbar wird der Erfolg der Investitionen aber in der Steigerung des monatlichen Umsatzes von 804,50 DM je Beschäftigten im Februar 1950 auf 1430,20 DM im November 1951, in der Schaffung von 42 000 Arbeitsplätzen in der Industrie, in der Erhöhung der industriellen Lieferwerte und der Zunahme der Westberliner Lieferungen nach dem Bundesgebiet, denen allerdings eine noch stärkere Erhöhung der Bezüge aus Westdeutschland gegenübersteht. Das Ergebnis bleibt trotzdem eine Passivität der Zahlungsbilanz von 1,2 Mrd. DM, die um 20 v. H. über der des Vorjahres liegt. Diese Tatsache zeigt ebenso wie das Zurückbleiben des industriellen Produktionsindex (51 v. H. gegen 145 v. H. in Westdeutschland), wieviel für Berlin noch zu tun bleibt. Die Erträge aus Dienstleistungen können nur einen beschränkten Umfang erreichen. Die Stärkung der industriellen Produktion und deren Absatz in Westdeutschland und im Ausland bleibt daher vordringlich. Davon erwartet die Kammer Ausstrahlungen auf all die Wirtschaftszweige, die Investitionskredite nicht erhalten.

Zu dem Westberliner Longterm-Plan, der den Wiederaufbau der industriellen Kapazität in der Weise vorsieht, daß, gerechnet ab Ende 1950, in drei Jahren 150 000 neue Industrie-Arbeitsplätze geschaffen werden, nimmt die Kammer kritisch Stellung. Sie hält die gesetzte Frist für zu kurz, da es nach dem Abzug der Roten Armee keine Industrie mehr gab und ein schneller Wiederaufbau Probleme aufwirft, die z. B. in den Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Betriebsmittelkrediten sichtbar werden.

Entscheidend ist die Erteilung von Aufträgen aus Westdeutschland und dem Ausland; denn große – Kapazitäten sind nutzlos, wenn sie nicht ausgefüllt werden. Die Vergebung öffentlicher Aufträge aus Westdeutschland entsprach bisher nicht den Erwartungen; ihr Gesamtwert wird auf 130 Mill. DM beziffert, davon 75 Mill. DM von der Bundesbahn und der Bundespost, während von den Ländern nur Nordrhein-Westfalen reagierte. Viel stärker als die Lieferungen nach Westdeutschland, die (ohne Postversand) gegenüber dem Vorjahr von 821 auf 1216 Mill. DM stiegen, konnten die Exporte erhöht werden, nämlich von 97 auf 235 Mill. DM, worin Exportleistungen über westdeutsche Vertretungen nicht enthalten sind. Die Notwendigkeit einer Exportsteigerung, besonders nach überseeischen Ländern, die erst mit 25 v. H. beteiligt sind, wird besonders hervorgehoben.

Obwohl der soziale Frieden in Berlin besser fundiert ist als in Westdeutschland werden doch die großen Streitfragen in der innenpolitischen Auseinandersetzung, vor allem vom DGB und der SPD, immer mehr nach Berlin lineingetragen. Die Kammer wendet sich in grundlegenden Ausführungen gegen die Vorstellung, de Wirtschaftsdemokratie könne gewissermaßen einen dritten weg weisen. Sa.

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Mit dem Werk „Deutsche Wirtschaft 1870 bis 1940“, das Gustav Stolper 1940 in New York herausgegeben hat und das seine Frau jetzt der europäischen Öffentlichkeit vorlegt, wurde unsere Literatur um ein Buch bereichert, das seiner Kenntnis und in seinen Schlußfolgerungen für die künftige Entwicklung des staatlichen und wirtschaftlichen Lebens von größter Bedeutung ist. Es erschien im Franz-Mittelbach-Verlag, Stuttgart-O., Alexanderstraße 27. (196 S., 9,80 DM).