Formelstreit um den Titel für Königin Elizabeth

Der Marquis von Salisbury wird als neuer Commonwealth-Minister die Aufgabe haben, über einen einheitlichen Titel für Königin Elizabeth innerhalb des Weltreiches Verhandlungen zu führen. Bei den verschiedenen Proklamationen anläßlich des Thronwechsels zeigten sich Abweichungen, die erkennen ließen, daß das „magische Band“, wie Chuchill die Krone in seinem Nachruf auf Georg VI. nannte, nicht alle Glieder in gleicher Weise umschließt.

Es sieht so aus, als ob ein Formelstreit nach mittelalterlichem Muster zu erwarten sei. Er könnte Auskunft über den Grad der Festigkeit des Reichsgefüges geben. Mit dem Titel für die Königin wird gewissermaßen die Verfassung des Commonwealth geschrieben.

Die Schwierigkeiten, auf die der Herzog von Salisbury stoßen wird, sind nicht gering. Zwar war die Nachricht vom Ableben Georg VI. Anlaß zu Zeugnissen der Anhänglichkeit an die Königsfamilie in einem solchen Maße, daß man versucht ist zu sagen, es bedürfe derartiger erschütternder Ereignisse, um den Menschen die Werte nahezubringen, die sich in einer überzeitlichen Institution verkörpern. Der nüchterne Beobachter konnte sogar eine Ausbreitung des monarchischen Gedankens „jenseits der Meere“ registrieren, wo Elizabeth II. feierlich zur Königin ausgerufen wurde. In drei Sprachen, und zwar in Englisch, Singalisch und Tamil, würde in Ceylon, einem Staat, der einen solchen Vorgang zum erstenmal erlebte, die Proklamation verlesen. Der Ministerpräsident in Colombo sprach von „unserer neuen Königin“. Ein wahrhaft radikaler Wechsel der Atmosphäre seit den Tagen des indischen Freiheitskampfes.. Auch die Einfügungen, die Australien und Südafrika in den Londoner Text der Proklamation vornahmen, konnte nur als Konkretisierung ihres Verhältnisses zur britischen Krone verstanden werden. Der australische Zusatz erhob Elizabeth zur „höchsten Lehnsherrin in und über das Commonwealth in Australien“, der südafrikanische zum „Souverän in und über Südafrika“.

Kanada, das sich beeilt hatte, als erstes Land mit der Proklamation herauszukommen, benutzte den Wechsel auf dem Posten des Generalgouverneurs, um seinen monarchischen Charakter besonders zu betonen. „In keinem Reichsgebiet Ihrer Majestät ist eine stärkere Anhänglichkeit an den Herrscher und die Mitglieder ihres Hauses vorhanden“, versicherte bei seiner Vereidigung Vincent Massey, der erste geborene Kanadier in einer Stellung, die bisher Angehörigen der Familie Windsor und des britischen Hochadels vorbehalten war.

Doch ist dieses monarchische Bewußtsein in den anderen Commonwealth-Staaten schwächer als in Kanada, das schon die Zufluchtsstätte der „Loyalisten“ während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges war. Von Kanada und Neuseeland über Australien und Südafrika bis nach Ceylon und Pakistan gibt es viele Abstufungen. Und Indien, dessen Zeitungen beim Tode Georgs VI. mit Trauerrand erschienen, ist in diesem Zusammenhang nur noch bedingt zu nennen. Als Republik konnte es keine Proklamierung Elizabeths vornehmen. Sie wurde ersetzt durch eine Botschaft des Ministerpräsidenten Nehru an die Königin. Auf Grund der auf „Freundschaft und freier Assoziation“ beruhenden Beziehungen zwischen England und Indien begrüßte Nehru Elizabeth als das „neue Oberhaupt des Commonwealth Er genügte damit der Vereinbarung der Commonwealth-Konferenz vom April 1949, nach der Indien vollgültiges Mitglied des Commonwealth bleiben und die Krone als „Symbol“ anerkennen soll.

Der Ausbau der ehemaligen Kolonien zu eigenen demokratischen Staatswesen ließe eine königliche Spitze entbehrlich erscheinen. Unter Abweichung von der Tradition des Mutterlandes folgen die Dominions dem amerikanischen Muster und geben sich eigene Verfassungen. Einige wünsehen, daß ihr Land im Titel der Königin ausdrücklich erwähnt wird. Der Begriff „Dominion“ ist umstritten, Kanada lehnt ihn ab, Südafrika nennt sich „Union“, Australien ist ein „Commonwealth“ für sich. Aber als „Oberhaupt“ eines in seiner rechtlichen Konstruktion kaum abzuschätzenden Staaten Verbandes wird der Königin die Geltung nirgends versagt werden.