Werner Wagner: Die Exekution des Typus und andere kulturpsycho-pathologische Phänomene. (Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 136 S., 15,60 DM.)

„Auf dem hohen Rücken der Wissenschaft, die Beine, angezogen, in die Höhle des Lindwurms zu reiten, um dort mit der spitzen Lanze der Psychologie das moderne Untier ins Herz zu treffen, ist das nicht eine Donquichotterie?“ So fragt Werner Wagner zu Beginn. Er seinerseits begeht diese Donquichotterie nicht, Er rückt dem „modernen Untier“ anders zu Leibe. Auf seinen eigenen Beinen umwandert er es, nur hier und dort ihm mit dem Hebel der Vernunft oder dem Schwert der Wissenschaft zusetzend – und das bekommt dem Untier sehr Viel schlechter als ein Frontalangriff, wie er so oft versucht wird.

Es geht also um die Auseinandersetzung mit dem „modernen Untier“. Der Mensch wird, wie man weiß, von seiner Welt geformt, zugleich, aber prägt er sie, und da er über sie hinausragt, hat er dazu besondere, spezifisch menschliche Möglichkeiten. Was nun hat der heutige Mensch aus seiner Zeit gemacht, und zu was ist er unter ihrem Druck geworden? Wagner macht deutlich, wie sehr begründet das allgemeine „Unbehagen an der Kultur“ ist. Dem Menschen ist die Technik so über den Kopf gewachsen, daß sich statt der erhofften Erweiterung des Horizonts geistige Unfreiheit, Unlebendigkeit und Ungeformtheit ergaben. Werner Wagner hütet sich nun, die Schemata durch eigene Schemata vernichten zu wollen. Er zieht es vor, als „unverdrossener Skeptiker“ vorzugehen, und er hat den Mut, sich – um seine eigene Metapher zu verwenden – von dem vor der Haustür wartenden Auto weder zur Eile antreiben noch zum prinzipiellen Fußgänger machen zu lassen.

Freilich: eine exakte „kulturpathologische“ Diagnose läßt sich, wie wir erfahren, nicht stellen. Aber man kann die Bedingungen feststellen, unter denen die menschliche Vernunft gut oder schwer zu Worte kommt, zum jeweiligen Nutzen oder Schaden der Gesellschaft. Es handelt sich hier also nicht um ein ärztliches Unternehmen, sondern um ein philosophisches – mit dem fernen Ziel, daß, wenn nicht Philosophen Könige, so doch Abgeordnete Philosophen werten möchten. Marlies Dorner