Von Walther Hilpert

„An Stoffen fehlt’s nicht, aber an Gestaltung“ – so lautete ein Aufsatz von Josef Marein in der „Zeit“ vom 13. März, in dem von der Eigengesetzlichkeit der Rundfunk-Dramaturgie die Rede war und von einem Gegenspiel der Funkarbeit: der Redaktion einer Tageszeitung. Dieser Vergleich enthielt nicht nur den Hinweis, daß Funkprogramme die Forderungen des Tages erfüllen müßten, sondern er deutete auch auf eine stilbildende Kraft, wobei an das Wirken von Monty Jacobs an der Vossischen Zeitung“ und von Paul Fechter an der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ erinnert wurde. – Der stellvertretende Intendant des – „Nordwestdeutschen Rundfunks“, Walther Hilpert erwidert wie folgt auf diese Anregungen:

Wir hatten gerade das Wort „Gestaltung“ inUrlaub geschickt, wenigstens in unseren Funk-Konferenzen (pro Gebrauch zehn Pfennig in die allgemeine Ferienkasse), als Sie uns, mahnten: Mehr Gestaltung! Da haben wir’s – werdenSie vielleicht sagen –: die Rundfunk-„Gestalter“ entziehen sich der Magie des Wortes und verbannen das, was ihr oberstes Gesetz sein sollte. Doch wir können parieren: Immer dran denken, nicht (oder nicht soviel) davon reden; darum der Groschenbann...

Ihre Beweisführung ist zwingend. Der Vergleich mit den Zeitungen instruktiv: der Chefredakteur, der sich vornähme, „BZ am Mittag“, „Lokal-Anzeiger“ und „Frankfurter Zeitung“ in einem Blatt zu vereinen, versagte an diesem Experiment. Wir aber sind zu dem analogen Rundfunkexperiment gezwungen und dürfen darannicht versagen. Sogar die Entlastung durch dieZeit, die Sie uns zubilligen (morgens „Einzug der Gladiatoren“ – abends ein Vortrag über Heidegger), reduziert sich auf vier Tagesstunden; denn die Hörer nennen nur das ein schlechtes Programm, was zwischen 18 und 22 Uhr tönt. Da will jeder „sein“ Programm haben.

Und noch ein Zweites zur Entlastung der Rundfunkleute (speziell deren des NWDR),\ wobei wir glücklich gewesen wären, wenn Sie Namen von Chefredakteuren an heutigen Zeitungen genannt hätten, weil das Beispiel deutlicher wäre: Halten Sie es für möglich, daß ein Monty Jacobs in Köln und ein Paul Fechter in Hamburg gemeinsam bei räumlicher Trennung jemals eine einzige Zeitung hätten machen können? Das aber muß der NWDR tun. Seit einem halben Jahr machen wir wochenweise eine Kölner und eine Hamburger Ausgabe des NWDR (zwischen 19 und 24 Uhr). Geben Sie uns noch mehr Zeit, daß wir uns in der Formung des Programms in einem Haus üben (eben diesen Sinn soll auch unsere Abendansage haben, die die Absicht des Abendprogramms unterstreichen will). Sie billigen uns zu, daß im Hamburger NWDR einige Köpfe um funkische Eigengesetzlichkeit in literarischen Dingen wissen; aber auch an Wissen um Eigengesetzlichkeit in musikalischen Sachen fehlt es uns nicht. Wir möchten bescheiden nur auf einige Bemühungen im Opernprogramm hinweisen, wo ältere und modernste Werke in eigener, nur funkmöglicher Fassung erschienen und weiter gepflegt werden sollen. Sie wollen nicht, daß Sinfonie-Orchester-Darbietungen den Besuch eines Konzerts ersetzen: Der musikalische Leiter unseres Hauses ruft händeringend nach dem funkeigenen Konzert (weg vom Schema des Saalkonzertes, der traditionellen Dreierfolge von Ouvertüre, Solist, gängigem Abgesang). Aber er ist selbst zu sehr praktischer Musiker (was nicht alle Musikdramaturgen sind), um nicht zu verstehen, daß ein gutes Orchester auch die elektrisierende Berührung mit dem Bei- und Mißfall eines anwesenden Publikums braucht.

Doch Sie fordern noch mehr, nicht nur funkischeEigengesetzlichkeit einer Gattung, sondern dasGesicht eines ganzen Abends, eines ganzen Nachmittags. Wir haben uns in einigen Ansätzen geübt (die „Initiative “-Woche; das kommende Karfreitagprogramm). Ist aber nicht ein Widerspruch in dem von Ihnen anerkannten idealen Hörer „mit dem Willen zur Auswahl“ und der Forderung nach einem „Gesicht des Abends“, wenn Sie zugleich bestätigen, daß „Morgenpost“ und „Frankfurter“ nicht in einem Blatt zu verwirklichen sind? Oder vielmehr kein Widersprach, sondern Zwang zu einem Ausweg durch „Willen und Auswahl“, indem wir zwei Programme nebeneinander (Mittelwelle und UKW) liefern, wobei Teile des einen mit folgenden Teilen des anderen ein einheitliches Programm ergeben. Hier nämlich versagt Ihr Vergleich mit der Zeitung, denn kein Verlag wird seinem Leser zwei Zeitungen gemischten Inhalts ins Haus schicken und erwarten, daß er sich jeweils nach Wunsch eine „Frankfurter“ oder eine „Morgenpost“ zusammensucht. Der zeitliche Ablauf unseres Programms zwingt den Rundfunk dazu. Was halten Sie davon?

Wann wurde die erste Zeitung gegründet? Wann der erste Rundfunk? Um 1700 gab es noch keinen Monty Jacobs. Sie gestehen uns organisatorische Mängel als Entschuldigung zu; nennen wir sie Kinderkrankheiten. Es trifft sich, daß gerade heute der Intendant des Hauses Hamburg durch eine Reise in die Ferne den Lasten der Verwaltung entflieht, um selbst etwas zu gestalten (einen Groschen in die Ferienkasse). Darum nehmen Sie von mir in seinem Namen diese Erwiderung entgegen: Wir haben noch keinen idealen Hörer; wir haben noch weniger die idealen Rundfunkdramaturgen; wir haben aber, wenigstens in Ihrer Betrachtung, eine ideale Rundfunkkritik, die uns voranbringt. Wir wünschen uns häufiger diese Kritik und würden gerne dieses Gespräch hier fortsetzen.