Henry Benrath: Der Kaiser Otto In (Aus dem Nachlaß, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 371 S., Leinen 14,80 DM)

Zwar hat Henry Benrath, wohl wissend um die Schutzlosigkeit zurückgelassener Arbeiten, seinem letzten großen mittelalterlichen Roman selbst noch die Brücken der Erläuterung gebaut, aber damit zerteilte er dennoch nicht den mystischen Schleier, der von der Titelfigur seines nun, zwei Jahre nach seinem Tode, veröffentlichen Buches zu ihm selbst hinübergeht.

Die Kaiserinnen-Romane des Dichters (Placidia, Konstanze und Theophano) waren noch auf der Darlegung politisch-historischer Konzeptionen gegründet. Sein „Kaiser Otto III.“ dagegen geht ganz auf in der metaphysischen Deutung eines genialen Menschen, den die landläufige Schulmeinung allerdings nur als früh verstorbenen Träumer, als letztes kraftloses Glied der ottonischen Dynasten gelten läßt.

Schöner als in der Form des immerwährenden Gesprächs mit dem jungen Imperator hätte Benrath diese geistige Verbundenheit gar nicht ausdrücken können. Eines Gesprächs, das selbst die Schranke des Todes nicht kennt. Denn „Furchtsam fast, Majestät, legte der Arzt einen Kalikanthuszweig in Ihre Hände, ehe er die Lider über Ihren Augen schloß“. Diese Gespräch kennt auch nicht die Entfernung von tausend Jahren zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es macht die Kluft ganz unsichtbar, unsichtbarer, als es die Darstellungsweise von Benraths Kalserinnen-Büchern vermochte. So bleibt der „großartigste Gedanke“, nämlich die „Renovatio imperii romanorum“, letztlich nur das auslösende Element für die Sichtbarmachung von Seele und Geist eines überragenden, außerirdischen Kräften verbundenen Menschen. H. Sehl.