Echter Kapitalzins als Vorspann – Steuererleichterungen als Schiebe-Lok

Als ein schönes Beispiel dafür, daß bei mutigem. Anpacken die Probleme der Kapitalversorgung durchaus nicht unlösbar erscheinen – nach dem Übergang zum marktgerechten Zins natürlich – zitieren wir im folgenden auszugsweise (Kürzungen des Textes sind dabei, nicht besonders kenntlich gemacht) die von Hardy & Co. monatlich herausgegebene Schrift „Wirtschaftslage“.

Zunächst gilt es die Frage zu beantworten, welche bisher nicht sichtbaren Mittel von erheblich ins Gewicht fallender Bedeutung der Kapitalmarkt an sich binden soll. Da sind zunächst die seit der Währungsreform überraschend schnell gewachsenen Termineinlagen der gewerblichen Wirtschaft. Sie haben Anfang Dezember 1951 bereits eine Größenordnung von 3,37 Mrd. DM erreicht. In früheren Zeiten wäre wahrscheinlich der weitaus überwiegende Teil dieser Guthaben in festverzinslichen Wertpapieren, aber auch in Aktien, als jederzeit liquidierbare, in der Form ertragreichere Reserve angelegt worden. Wenn aber wie gegenwärtig die bei Termineinlagen erzielbare Verzinsung zum Teil über den Zinsertrag von Pfandbriefen und der überwiegenden Zahl aller Aktien hinausgeht, wenn auf den Pfandbriefen ein Kursrisiko von 25 bis 30 Punkten ruht, und Aktien obendrein bei aufwärtsgerichteter Kurstendenz wegen der Spekulationssteuer erst nach einem Jahr veräußert werden können: dann unterbleibt eben zwangsläufig die Umlenkung dieser Liquiditätsreserven der Wirtschaft auf den Kapitalmarkt.

Die zweite, noch bedeutungsvollere Quelle stellen die noch immer in die Selbstfinanzierung oder in gewisse Ausgaben fließenden Beträge dar, für die, lediglich wegen der übersteigerten Steuerprogression, die letzten Maßstäbe betrieblicher Rationalität einen Teil ihrer Bedeutung eingebüßt haben.

Als dritte weit weniger bedeutsame Chance kommt schließlich die auf diese Weise ausgelöste Erweiterung des Sparwillens selbst in Betracht.

Das aktuelle Problem heißt zunächst einmal: kapitalmarktmäßige Bindung der Termineinlagen und Einflußnahme auf die betriebswirtschaftlichen Entscheidungen. Hier kann dem Zins schon eine sehr erhebliche Bedeutung zukommen. Soll er aber nicht eine Höhe erreichen, die unlösbare Probleme schafft, so genügt seine Unterwerfung unter die Gesetze von Angebot und Nachfrage für sich allein nicht. Es muß noch eine wirklich ins Gewicht fallende steuerliche Begünstigung der Kapitalmarktlage hinzutreten. Als Mindestmaß sollte (an Stelle der Einkommen- und Körperschaftsteuer mit ihrer Progression für diese Art von Einkommen) eine pauschalierte Kapitalertragssteuer von 25 v. H. angesehen werden. Das reicht vielleicht im Falle der Entscheidung zwischen Selbstfinanzierung und Kapitalmarktanlage noch immer nicht aus, um die angestrebten und volkswirtschaftlich mehr als dringlichen Kapitalumlenkungen zu gewährleisten. Im Falle der Entscheidung zwischen Termineinlagen und Kapitalmarktanlagen aber dürfte es den erwünschten Effekt vollauf sicherstellen.

Im Bereich der Wirtschaft mag im übrigen der Versuch der Wertsicherung von Anleiheemissionen noch annehmbar erscheinen. Problematisch werden diese Anstrengungen aber, wenn sie sich auch auf die Pfandbriefe oder Kommunalobligationen erstrecken. Jede derartige Generalisierung kommt indirekt einer Stärkung des Mißtrauens und damit letztlich einer Unterminierung aller auf die Erhaltung der Kaufkraftstabilität gerichteten Maßnahmen gleich. Diese Schritte sollten also sehr reiflich überlegt werden, ehe ihre Proklamation erfolgt. Gibt es doch bereits Vorschläge, die auch die Bewertung von Spareinlagen nach dem jeweiligen Lebenshaltungskostenindex vornehmen wollen. Vor diesem gefährlichen Weg kann nicht eindringlich genug gewarnt werden – viel richtiger wäre jedenfalls die Konzentration aller Bemühungen auf die Erzwingung einer Wirtschafts-, Finanz- und Notenbankpolitik, die jedes Währungsexperiment mit Sicherheit ausschließt.