Von W. Fredericia

Die Mutter eines englischen Seemanns, Mrs. Hughes, träumte so lebhaft, ihr vor 14 Monaten in Amsterdam verschollener Sohn befinde sich in Deutschland, daß sie am nächsten Morgen Photos des Sohnes an die Kommandanten der in Deutschland liegenden Camps schickte. Bald darauf erhielt sie von einem amerikanischen Beamten in Deutschland die Anschrift ihres Sohnes, der in Frankfurt bei einer US-Behörde arbeitete. Der Sohn hatte eine Gedächtnisstörung erlitten. – Ein Kaufmann in einer amerikanischen Provinzstadt träumte, sein Geschäft sei durch Explosion und Feuer vernichtet worden. Er erwachte in Angstschweiß und rief sofort seinen Nachtwächter an. Der machte einen Kontrollgang und stellte fest, daß die Lagerräume des Geschäfts voll Leuchtgas waren, das einer schadhaften Gasleitung entströmt war. – Die erste Meldung stammt aus dem Februar, die zweite aus dem Januar 1952.

Solche Vorgänge regen zum Nachdenken über den Traum und seine Bedeutung an. Man kann natürlich sagen: Mutter Hughes hatte schon lange vergessen, aber dennoch im Unterbewußtsein aufbewahrt, daß ihr Sohn einmal geäußert hatte, er wolle sich Deutschland ansehen. Und der amerikanische Geschäftsmann hatte, als er am Abend vor seinem Traum sein Warenlager verließ, eine Spur von Gasgeruch in die Nase bekommen, ohne sich Rechenschaft davon zu geben. Hinterher aber haben dann in beiden Fällen diese Erinnerungsrudimente, wenn man so sagen darf, die Wahrträume hervorgerufen. Das wäre immerhin möglich, entspräche auch der uns jederzeit begleitenden Gewißheit, daß alles seine Ursache haben, müsse und daß aus einem Nichts nicht ein Etwas werden könne, auch nicht ein Traum.

So leicht wird man aber mit dem Traum nicht fertig. Nicht nur, weil es eine so große Zahl wahrsagerischer Träume gibt, von denen viele wissenschaftlich beglaubigt sind, sondern vor allem, weil wir alle ein tief verwurzeltes Gefühl dafür besitzen, daß die Träume ihre Bedeutsamkeit haben. Dieses Gefühl ist nicht angelernt, das heißt, nicht aus Berichten oder eigenen Erfahrungen über Wahrträume abgeleitet. Sondern es ist spontan; es tritt ohne Mobilisierung solcher Erfahrungen ins Bewußtsein. Träumen wir, daß einem unserer Angehörigen oder unserer Freunde etwas Übles zustößt, sind wir beim Erwachen in tiefer Sorge und müssen, uns erst mühsam mit allerlei Sprüchen wie „Träume sind Schäume“ und „Was hab’ ich nicht schon alles geträumt!“ darüber hin wegbringen. Auch daß es so etwas gibt wie die Traumdeuterei und sich durch die Jahrtausende behauptet hat, dürfte nicht völlig ohne Beweiskraft sein. Denn wäre das Traumdeuten nur ein Trick, von raffinierten Geschäftemachern ersonnen – wie es dies in den allermeisten Fällen auch wirklich sein mag –, dann hätte unser aufgeklärtes Zeitalter längst Schluß damit gemacht. In Wirklichkeit lächelt der moderne Mensch zwar über seinen „Aberglauben“ an die Bedeutsamkeit der Träume, aber in einem Winkel seines Herzens bleibt er von ihr überzeugt.

Was ist der Traum? Offenbar eine Tätigkeit der Seele, bescheidener ausgedrückt: eine Tätigkeit des Gehirns des Schlafenden. Damit wäre aber über die Bedeutsamkeit des Traumes nichts gesagt, wenn man von der Einwirkung absieht, die die Traumstimmung, die ins wache Leben übergeht, auf die darauffolgenden Denkprozesse und Handlungen des Träumers ausüben mag. Daher sagt es etwas mehr, wenn man die schöne Definition (Ernst Aeppli: „Der Traum und seine Deutung“, Rentsch Verlag, Erlenbach-Zürich) bedenkt: „Der Traum ist die nächtlich vernehmbare Sprache des Unbewußten.“

In diesem Satz nämlich ist das Prinzip enthalten, unter das viele moderne Psychologen die Traumdeutung stellen. Es besagt, daß der Traum nichts anderes als eine Aussage über den Träumer ist. Als eine Mitteilung, soveit wir uns seiner mehr oder minder deutlich erinnern können, fassen wir ihn auf. Eine Mitteilung über uns selbst ist er.

Akzeptiert man diese Theorie – und es spricht sehr viel für sie –, dann sollte man Träume durchaus ernst nehmen. Denn im Traume gehen die uns bewegenden Triebe nicht durch den Filter der Vernunft, die uns im Wachen auch für solche Handlungen, die in den Tiefen der Triebe ihre Wurzeln haben, schnell eine Ideologie zurechtzimmert. Wenn aber im Traum dieses so oft täuschende Beiwerk der Vernunftsargumentation wegfällt, so mögen unsere „Handungen“ im Traume echter sein als unsere Handlungen im Leben. Es mag uns der Traum zeigen, wie wir zu handeln immerhin imstande wären, wären nicht die Hemmungen aus dem Sektor der im Wachen tätigen Vernunft vorhanden. Man konnte dann sagen: Wir lernen im Traume uns selbst kennen...