Von unserem italienischen Korrespondenten Italo Zingarelli

Rom, Ende März

Am 28. März 1948, in der ersten Woche der politischen Wahlen, die de Gasperi das Mandat gaben, Italien gegen den Bolschewismus zu verteidigen, habe ich auf dem Petersplatz, vom Mittelbalkon der Basilika herab, Pius XII. über die Gefahr für die Kultur der Menschheit sprechen hören. Niemals hat ein Papst auf jener Tribüne eine solche Sprache geführt. Es war Politik, was Pius XII. damals machte, aber es war gute Politik. Vor fünfzehn Jahrhunderten gelang es Leo I. den Hunnenkönig Attila, der vor den Toren Roms stand, durch Flehen und Geschenke zu besänftigen. In unserer – Zeit sind die Attilas nicht durch Bitten und Gaben aufzuhalten, und als Pius XII. die Arme zum Himmel hob, mag er von dem Gedanken erfüllt gewesen sein, daß ein neuer Attila ante portas stehe. Er mag sich vorgestellt haben, daß der Petersplatz, nicht vom stadtrömischen Volk wimmele, sondern von fremden Soldaten, die ihre Pferde in den Springbrunnen tränkten – denn das wäre der Triumph, auf den der atheistische Imperialismus des Ostens hinzielt –, und er hat zweifellos gefürchtet, daß am 18. April, dem letzten Tag der Wahl, Italien zum vorgeschobenen Wachposten Moskaus werden könnte.

Es war also gut, daß er damals den Mahnruf erließ: wenn nicht das christliche Bewußtsein erwache, werde. Rom und die Welt verloren sein, daß er alle beschwor, auf der Hut zu sein und den Worten einer Partei nicht zu glauben, die entschlossen ist, alle ihre Verpflichtungen in dem Augenblick zu verletzen, wo sie ihr Ziel erreicht hat, und daß er vor aller Welt darauf hinwies, wie unmöglich es sei, Frieden und Gerechtigkeit zu erhalten, wenn man sein Ohr den kommunistischen Agitatoren leiht. „Wer nicht sehen will, sieht nicht,“ sagte er, „und wer nicht verstehen will, versteht nicht.“ Aber seine Mahnungen zur Wachsamkeit enthielten keinerlei Drohung nach irgendeiner Seite, also auch keine Drohung in Richtung auf die Sowjetunion oder, dem entsprechend, Segenssprüche für den europäisch-amerikanischen Block, der damals gerade Form anzunehmen begann.

Im folgenden Jahr, als der Atlantikpakt geschlossen wurde, zeigte sich das Verlangen des Papstes, seine Unparteilichkeit zu behaupten, mit neuer Kraft. Übrigens hatte man schon im September 1948 auf den Seiten des Osservatore Romano Sätze lesen können, die, die Stellung des Heiligen Stuhles deutlich umschrieben: „So weit wir wissen“, schrieb das Blatt des Vatikans, „hat die Kirche die kommunistische Lehre verdammt, und verdammt sie auch heute noch mit demselben Freimut und derselben Entschlossenheit wie gestern; was aber die Sowjetunion betrifft, so folgt aus dieser Verdammung nicht, daß der Heilige Stuhl, oder die Kirche als Ganzes, jemals ihre Zerstörung verlangt habe. Wir erinnern nur daran, daß der Heilige Stuhl. eine Abordnung nach Rußland geschickt hat, um Millionen und aber Millionen von Hungernden zu helfen – und das zu einer Zeit, als das revolutionäre Programm noch radikaler und noch drastischer angewandt wurde als jetzt. Es ist gewiß nicht die Absicht des Heiligen Stuhls gewesen, die seinerzeit hergestellten Beziehungen zwischen der Sowjetunion und der Kirche abzubrechen – Beziehungen, die die Kirche trotz allem gern wieder aufnehmen würde, wenn sich die Möglichkeit dazu ergäbe. Also das gerade Gegenteil von Zerstörung!“ Pius XII. kehrt in seinen Gedanken zum Jahre 1939 zurück, dem Jahr, in dem er gleich nach seiner Erhebung auf den Heiligen Stuhl für den Frieden kämpfte, ohne ihn retten zu können. Auch dem Amerika R’oosevelts stand er nur als einfacher geistlicher Bundesgenosse bei, so wie heute dem Amerika Trumans, dem Italien de Gasperis und den anderen Nationen, die die bürgerliche und die religiöse Freiheit achten; aber wie er damals nicht für einen Feind des russischen Volkes gehalten werden wollte, so heute nicht für den Feind irgendeines der Völker, die dem Sowjetregime unterworfen sind, zu dem er in einer rein geistlichen Gegnerschaft steht. Seine Außenpolitik hat also große Ähnlichkeit mit der englischen, die ja auch will, daß alle diplomatischen Mittel ausgenutzt werden, um den Ausbruch eines neuen Konfliktes zu vermeiden – mit dem Unterschied allerdings, daß die Engländer den Krieg als ultima ratio nicht ausschließen können, während Pius XII. ihn absolut ausschließen möchte.

Diese Außenpolitik, die ganz und gar die seinige ist (schon darum, weil er seit dem Tode des Kardinals Maglione keinen neuen Staatssekretär ernannt hat) führt Pius XII., immer von dem Gedanken der Unparteilichkeit der Kirche ausgehend, so konsequent durch, daß niemand sagen kann, der Vatikan sei Beschützer und Bürge katholischer Regime (zum Beispiel des spanischen), die den politischen Freiheiten nicht besonders wohlgesonnen sind und sich wenig eifrig zeigen, den neuen sozialen Forderungen zu genügen. Ein Papst, der die Macht der Presse, des Rundfunks und des Films sehr gut kennt, der maschineschreibt, reichlichen Gebrauch vom Telefon macht und sich selbst elektrisch rasiert, ist sicherlich auch über alle Wandlungen unterrichtet, die während der letzten Jahre in den Menschen vorgegangen sind; er weiß von den neuen Forderungen der Masse, seien sie nun gerechtfertigt oder nicht, von den Mühsalen des kleinen Bürgertums, vom Verfall des Adels (über den er sich sehr deutlich ausgedrückt hat) und von der Hartnäckigkeit der alten und der neuen Plutokratie. Darum kann er nicht von dem Beispiel Leos XIII. abweichen, der sich vor siebzig Jahren berechtigt glaubte, in der Arbeiterfrage sein Wort in die Waagschale zu werfen. Ebenso beschäftigt sich auch Pius XII. mit der Wohnungs- und Arbeitslosenkrise, mit den Lebenshaltungskosten und der Fürsorge für die Bedürftigen, denn er ist der Auffassung, daß der Wohlstand der Völker, für dessen Erreichung der Kommunismus den Schlüssel zu haben behauptet, immer das vornehmste Streben der Christenheit sein muß.

Auch auf dem Throne, Vor dem sich alle neigen, hat der Papst die Empfindung, daß die Not der Zeit ihn veranlassen muß, mit dem Volke zu leben. In seinem Gemach im Vatikan ist er ganz allein und scheint allen Sterblichen unbeschreiblich fern, aber man kann nicht an seiner Überzeugung zweifeln, daß er, um Oberhaupt und Führer der Massen, zu sein, sich mit ihren Stimmungen, ihren Schmerzen, ihren Sorgen und ihren Launen beschäftigen, kurz ihr Leben leben muß. Darum spricht er so oft zu soziologischen Fragen und gibt der Geistlichkeit neue Normen ihres Lebens; darum spricht er zu Briefträgern, zu Eisenbahnern, zu Journalisten, zu Hebammen, zu Ärzten – und auch zu den Anhängern einer künftigen Weltregierung. Ihnen sagt er: „Ihre Bewegung, meine Herren, bemüht sich, eine wirksame politische Organisation der Welt zustande zu bringen. Nichts ist der überlieferten Lehre der Kirche gemäßer, und nichts stimmt besser überein mit ihren Sätzen über gerechte und ungerechte Kriege, besonders in der augenblicklichen Situation. Es wird also nötig sein, daß das ganze Menschengeschlecht in einer einzigen Organisation zusammengefaßt wird, denn sonst würde ein Wettlauf der Rüstungen entstehen, in dem die Völker sich alle zehn Jahre zugrunde richten und erschöpfen. Wir sind überzeugt, daß die erste Sorge der festen Begründung oder ‚ der Wiederherstellung der Grundsatze gelten muß“ (der Papst hatte vorher die Notwendigkeit betont, die Weltorganisation mit der Gesamtheit aller natürlichen Beziehungen zwischen Menschen in Einklang zu bringen) „und zwar auf allen Gebieten: dem nationalen und dem verfassungsmäßigen, dem wirtschaftlichen und dem sozialen, dem kulturellen und dem moralischen...“