Jules Vallès: Jacques Vingtras (Claassen Verlag, Hamburg, 663 S., Leinen 22,50 DM).

Romain Rolland: Charles Figur (Rainer Wunderlich Verlag, Tübingen, 593 S., Leinen 24,50 DM).

„Ich haben den Verband von meinen Wunden gerissen, um zu zeigen, wie zehn Jahre böser Jugend ein Menschenherz durchlöchern.“ Ein echter Schmerzensschrei ist dieser Satz, der dem „Jacques Vingtras“ von Jules Vallès das Motiv gibt – der flackernden, peinerfüllten, glücklosen und unverwaschenen Autobiographie eines geborenen Aufrührers gegen Elternhaus und Schule; eines Insurgenten, der selbst nach seiner Teilnahme am Putsch der Pariser Kommune von 1871 ein Empörer blieb bis zur Rückkehr aus dem Londoner Asyl, dem bald (1885) der Tod des erst Dreiundfünfzigjährigen folgte.

Vallès kam in der dunkelsten Provinz als Sohn eines Schultyrannen zur Welt, dessen Klasse er jahrelang als Musterschüler zu zieren hatte. Der unväterliche Erzieher zog den Jungen nicht nur nicht vor, sondern strafte, um das Gegenteil zu demonstrieren, den ebenso Aufsässigen wie Empfindsamen weit über Maß und Recht, ja er erstattete gegen den Trotzkopf Anzeige und ließ ihn in der Wohnung der Familie von einem Polizisten maßregeln. Schließlich erzwang der noch nicht Mündige, mit 40 Francs Monatswechsel nach Paris entlassen zu werden, und brachte sich dort hungernd, doch in leidlicher Ungeschorenheit als Stundengeber durch. Den Rest der ihm eingeimpften Grundsätze verlor er, als der nach außen so ängstlich auf Wohlanständigkeit bedachte Vater die Mutter verließ, um mit einer anderen durchzugehen.

Als Vallès vorübergehend als Schreiber beim Bürgermeisteramt des Pariser Arrondissements Vaugirard angekommen war, duckte man ihn zwar wegen seiner unkanzlistischen Handschrift. Doch beurlaubte man ihn immerhin zur Teilnahme am Begräbnis von Henri Murger, dem Autor der „Szenen aus dem Leben der Bohème“. Das Buch verabscheute er als „Bohème der Feiglinge“ für „träumende Spießbürger“. Am Grabe Murgers kam ihm der Entschluß, die Anti-Boheme „der Verzweifelten und der Drohenden“ aufzurufen. In den Deserteuren der Bürgerlichkeit, den Anarchisten der Feder und des Pinsels, unter die er verschlagen war, zeichnete er Figuren des Schicksals. Indem er ihrem Unglück, ihrer physischen Aufopferung die Gloriole lieh, giftete er die Saturierten an, die nichts wissen wollten von dem Heerbann des Elends.

Erstaunlich eigentlich, daß erst in diesen Jahren nach einem zweiten Weltkrieg uns deutsche Ausgaben der „Refraktäre“ und des „Jacques Vingtras“ erreichen. Und bleibendes Verdienst des Hamburger Schriftstellers Thomas W. Schlicht krull, der auf französischer Erde am 13. September 1950 verstarb, daß er den vergessenen Vallès für uns zur „Trouvaille“ gemacht hat. In Übertragungen, die alle Nuancen des Pariser Argot meistern und an Ausdruckskraft die Originale womöglich übertreffen.

Erst in den Jahrzehnten zwischen Sedan und jener Marneschlacht, in der am 5. September 1914 einundvierzigjährig Charles Péguy fiel, bekam Frankreich in diesem den legitimen Rebellen für eine Freiheit, die Größe hat. Das letzte Werk von Romain Rolland, für dessen mühereiche, zwei Bände in einen zusammenfassende Übertragung Gritta Baerlocher und Jean-Paul Samson zeichnen, macht es neuerdings, wie wohl nie vorher, sinnfällig. Ein Jünger Bergsons, der ja zuletzt ebenfalls die Konversion vollziehen wollte, hat Péguy allzu lange als einfacher Schulfall für die Wandlung eines sozialistischen Freidenkers in einen Sohn des Glaubens gegolten, so daß die Explosivität seines Temperaments und seiner Sprache, die Unbedingtheit seines Anliegens darüber fast in Vergessenheit gerieten. Aber die Bekehrung hat Péguy zwar zur Bindung an das Dogma, doch auch auf einen Weg gebracht, der ihn zum unersättlichen Widersacher inthronisierter Institutionen machte, gegen die er, wie später Bemanos, die Freiheit des Gewissens mobilisierte.

„Die schlimmste Parteilichkeit ist, sich zu entziehen. Die schlimmste Verständnislosigkeit ist, nicht zu handeln. Die schlimmste Lüge ist, auszuweichen.“ Und: „Ich muß die Wahrheit sagen mit der Betonung, die ihr zukommt.“ Dieser Péguy ist es, den Romain Rolland aus intimster Nähe und enger Mitarbeit an Peguys Zeitschrift „Cahiers“ heraufbeschwört. Ein Péguy, der besinnungslos seinen Freunden Wunden schlägt, der den Verzicht auf die einzige Frau, die er wahrhaft geliebt hat, mit der Überzeugung abgilt, seit es Menschen gebe, sei noch kein Mensch glücklich gewesen. Ein Péguy, der dennoch das „Mysterium der Hoffnung“ beruft und, in vielem Persönlichen unzulänglich, doch nie das Aufrechte einbüßt. Ein Feuerkopf, der sich selbst verbrennt. Ein Mensch in seiner vollen Intensität und aufwühlenden Leidenschaftlichkeit. Wenn das von Romain Rolland geschaffene Lebensbild der Beglaubigung bedarf, ist sie dadurch bezeugt, daß in dieser Biographie an Péguy nichts mehr widerspruchsvoll, nichts unbegreifbar anmutet. Und auch dies wird in Rollands Buch gegenwärtig: daß Freiheit nie in der Lossagung liegt, sondern in der Überwindung. Nicht in der Anarchie, sondern im Gewissen. Hansgeorg Maier