Von unserem Korrespondenten Artur Rosenberg

Paris, Ende März

Der sauige, der verfluchte Krieg – la sale guerre – ist heute in Frankreich eine allgemeine Bezeichnung für den Kampf in Indochina geworden. Sieben Jahre Dauer, ein Drittel der Ausgaben für Heereszwecke, ein Siebentel des gesamten Etats, Bindung von 200 000 Mann, unter ihnen ein Drittel der Offiziere und Unteroffiziere, die Frankreich heute aufbringt und nur aufzubringen vermag, 30 000 Gefallene, doppelt soviele Verwundete und Kampfunfähige –: das sind einige Zahlen...

Der Krieg in Indochina, der nach der Verfassung nur mit Berufssoldaten und Freiwilligen geführt werden darf, ist nicht nur Ursache vieler sozialer und politischer Nöte Frankreichs, sondern er kommt auch der kommunistischen Propaganda zu Nutze, weil er wegen der Unmöglichkeit eines Ersatzes für die Kader den Ausbau der französischen Armee behindert, weil die Unzulänglichkeit der Rüstung dem Land das Gefühl der Rückständigkeit in einer europäischen Wehrgemeinschaft gibt und damit die Zurückhaltung und das Mißtrauen gegen den deutschen Partner verstärkt. Die Schwierigkeit, in der europäischen Wehrgemeinschaft den beanspruchten Platz zu finden, belastet sogar in seinen Folgewirkungen die Beziehungen Frankreichs zu Amerika.

Kein Franzose kann sich heute darüber täuschen, daß Indochina für Frankreich verloren ist, einerlei, ob Viet Minh oder Viet Nam den Sieg davonträgt. Selbst, wenn Bao Dai mit französischer Hilfe Sieger bliebe, könnte er, um sich zu behaupten, gar nichts anderes tun, als die Franzosen aus dem Land zu jagen, wie auch Ho Chi Minh es will. Eine allmähliche, freundlich eingeleitete Ablösung der Franzosen durch eine militärische Erstarkung des Viet Nam – diese Formel, mit der einst de Lattre eine Lösung erstrebte – erweist sich je länger, desto gefährlicher, weil die Praxis zeigt, daß die militärischen Ausbildungsschulen des Viet Nam die bequemsten Rekrutierungsstätten von Überläufern für den Viet Minh bilden. Was Frankreich heute mit Mühe noch in Händen hält; ist lediglich eine Anzahl militärischer Stützpunkte. Das Land mit seinen Reichtümern an Kautschuk, an Zink und Reis ist für Frankreich verloren. Keine Aussicht auf Sieg, keine Aussicht auf Ablösung, keine Aussicht auf unmittelbare oder spätere wirtschaftliche Vorteile ...

„Warum also nicht der Rückzug?“ – Mit dieser tausendmal gestellten Frage wandte ich mich an einen hohen Militär jenes kleinen Kreises, aus dem Frankreich seine Administratoren für besonders schwierige Aufgaben wählt. – „Weil dieser Krieg, der anfangs geführt wurde, um die eigene Herrschaft zu behaupten, heute das Ziel hat, der kommunistischen Ausbreitung im südöstlichen Asien den Weg zu versperren. Frankreich erfüllt eine wichtige Aufgabe im Interesse der westlichen Welt. Selten noch wurde ein Krieg aus weniger eigennützigen Gründen geführt als dieser.“ – Darin steckt ein Stück Wahrheit. Es ist Tatsache, daß Frankreich in Indochina fast allein die Last eines Krieges trägt, der einem weiteren Vordringen des Kommunismus in Ostasien einen Riegel vorschiebt. Frankreich kann aber gar nicht anders, als diesen Krieg fortzusetzen, weil sein Rückzug zu einem entsetzlichen Gemetzel des Viet Minh unter der Frankreich und dem Viet Nam anhänglichen Bevölkerung führen würde. Dieses Blutbad würde zum furchtbarsten Warnungssignal in den übrigen Überseegebjeten, wo fast überall die Bevölkerung, auf die sich die französische Herrschaft stützt, einem wachsenden Druck der Unabhängigkeitsbewegungen ausgesetzt ist. In der gesamten französischen Union würde damit das Vertrauen der loyalen Bevölkerung zu Frankreich vernichtet; es, wäre der Triumph seiner-Gegner. Frankreich verteidigt also in Ostasien nicht nur Indochina, es verteidigt sein gesamtes Imperium.

Und bei alledem kann Frankreich nicht an eine Internationalisierung des Krieges denken, weil ein aktives Eingreifen etwa der Vereinten Nationen oder Amerikas die Gefahr in sich trüge, daß es China zu einem aktiven Eingreifen veranlassen könnte. Was Frankreich unter diesen Umständen nur wünschen kann, ist die Verstärkung und Beschleunigung der finanziellen und materiellen Hilfe Amerikas für den Krieg in Indochina. Frankreich kann heute weder vor- noch rückwärts. Es ist verurteilt, die Front zu halten, in der Hoffnung, daß eine allgemeine ost-westliche Entspannung es von dieser Aufgabe befreit.