Wir wollten die Kinobesucher einfach unterhalten und ein wenig erschrecken“, sagt Graham Greene über seine Zusammenarbeit mit Carol Reed an dem so erfolgreichen Film „Der dritte Mann“ in einem Vorwort zu der nun auch als Buch herausgebrachten Geschichte von Harry Limes untergründiger Existenz. Auch zwei andere preisgekrönte und über alles Maß gelobte Filme von hohem Niveau und technischer Meisterschaft – „Endstation Sehnsucht“ nach Tennessee Williams Bühnenstück „A streetcar named Desire“ (Regisseur Elia Kazan) und „Reporter des Satans“ (Regie Billy Wilder), die in diesen Wochen in der Bundesrepublik zu sehen sind – haben diese anziehende und zugleich abstoßende Wirkung. Man kann in beiden Filmen entweder die glänzende Schauspielkunst und die Perfektion der Leistungen aller Mitwirkenden genießen oder vor der Härte und Brutalität der Aussage erschauern. Aber es ist für den Zuschauer eine Probe, beides zu vereinen.

Erschütternd ist in „Endstation Sehnsucht“ das Auflehnen der überzüchteten, übersensiblen, von Stufe zu Stufe sinkenden Blanche (Vivien Leigh) gegen den Schwager Stanley (Marlon Brando), den gesunden, neugierigen Primitiven, bis das zerstörte Mädchen von dem Mann mißbraucht wird und schließlich, am Arm eines Arztes, wie von einem neuen Liebhaber geleitet, in das Irrenhaus geführt wird. Unvergeßlich ist auch im „Reporter des Satans“ die sadistische Demaskierung der Masse Mensch und ihrer bösesten Exemplare: Tatum (Kirk Douglas), der in New York gescheiterte Journalist, findet auf der Suche nach einem Job im Schankhaus an der Autobahn in einer einsamen Indianergegend – die Sensation, die er braucht, um wieder die Schlagzeilen liefern zu können. Leo, der Schankwirt, ist beim Graben nach indianischen Tonscherben in einer Felsenhöhle verschüttet werden. („Tausend Chinesen sterben an Hunger – wer will das wissen! Aber ein einziger Mann in Todesgefahr – das interessiert“ – wer erinnert sich nicht des letzten Falles – Kapitän Carlsen – bei diesen Worten Tatums!) Es gäbe eine schnelle Möglichkeit, Leo zu retten. Durch Bestechung und Erpressung arrangiert der Reporter des Satans jedoch einen anderen, zeitraubenden Rettungsweg und sichert sich die „Exklusivberichte“ für die New Yorker Zeitungen in Fortsetzungen. Darüber stirbt der Verschüttete an einer Lungenentzündung, während über ihm der große Karneval der Sensationshungrigen tobt, die aus dem entlegenen Nest einen großen Rummelplatz machten. Was sich hier abspielt, ist so abscheulich, daß die Paramount-Filmgesellschaft dazu erklärte: „Man hat gesagt, der Film sei zu kraß, er gebe eine unvorteilhafte Darstellung amerikanischer Verhältnisse. Aber es ging darum, unserer modernen technisierten Welt einen satirischen Spiegel vorzuhalten.“

Im Theater sind immer schon die Grenzfälle menschlicher Existenz – das Kranke, Perverse, Gemeine – aufgezeigt worden, um die Menschen aufzurütteln. Aber es geschah in Ausschnitten nach den Möglichkeiten der Bühne und es geschah in einer gewissen optischen Entfernung. Die Filme der letzten Jahre aber, und gerade die anspruchsvollsten, zeigen das Grauen mit einer wahren Lust in Großaufnahmen, und was auf der Bühne Andeutung bleibt, wird mit den filmischen Möglichkeiten der Kamera – immer näher heranzugehen an die Geschehnisse – zur überdeutlichen Betrachtung. Früher erlebte man allerdings auch im Film die Geburt eines Kindes, ohne sie zu sehen, angedeutet durch den ersten Schrei. Heute wird das menschliche Herz vor die Kamera gezerrt; ja, man sieht das Herz, wie in Duviviers kühnem Film „Unter dem Himmel von Paris“, in der geöffneten Brust eines Patienten pochen: eine atmende Kröte unter Wasser. In „Endstation Sehnsucht“ wird die Überwältigung der Irren Blanche durch eine Wärterin in Nahaufnahme breit ausgespielt; im „Reporter des Satans“ schleppt sich Tatum mit einem tödlichen Scherenstich im Bauch beklemmend durch die Szenen. Ekelerregend in ihrer Gemeinheit ist die blonde Frau des Verschütteten .Leo, die durch sein Los ihr großes Geschäft macht. Gräßlich ist die Hysterie und Sensationsgier der Massen, die den einsamen Ort in wenigen Stunden – zum Schießbudenplatz machen und aus Lautsprechern im Jazz-Rhythmus den Schlager brüllen: „Leo, halte aus.“

Nun ja, diese Filme wollen die letzte Wirklichkeit zeigen, wollen Wahrheit enthüllen. Kann man aber Sensationssucht geißeln, indem man sich an die Sensationssucht der Menschen wendet? Hier ist der Film in seiner Entwicklung zum Kunstwerk aus einem Extrem ins andere gefallen, aus Verlogenheit und Sentimentalität in kalten Wirklichkeitsfanatismus. Die Wahrheit liegt aber dazwischen. Es gibt eine Grenze und ein Maß des Sagbaren nicht aus Feigheit und Prüderie, sondern aus Menschlichkeit. Die Kinobesucher zwar haben es gern, sich auf diese Weise „ein bißchen zu erschrecken“, aber uns scheint das ein gefährlicher Weg zur Verrohung und Abstumpfung zu sein. Sähe man nur diese Filme, so müßte man annehmen, daß es nur Scheußlichkeiten in dieser Gegenwart gibt.

Erika Müller