Gilbert Grandval, welch wohlklingender Name! Ein sehr französischer Name außerdem. Es fehlt nur das Partikelchen „de“, um den Mann, der sich dieses Pseudonym angeeignet hat, in die Tradition der großen adeligen Familien Frankreichs aufzunehmen. Aber auch ohne das wird er häufig genug aus Versehen mit Monsieur de Grandval angeredet. War das die Absicht? Und wenn das „von“ auch fehlt, so gibt es doch wenigstens den Bestandteil „Groß“. Der wirkliche Name, elsässischer Herkunft, hatte aber auch einen zu peinlichen deutschen Klang, sowohl der des Vaters Hirsch, wie der der Mutter Ohlendorf, den sich Gilbert früher einmal zugelegt hatte. So behielt er das schöne Pseudonym bei, als er sich nicht mehr im Maquis zu tarnen brauchte, während die meisten Widerstandskämpfer froh waren, zu ihren echten Namen zurückkehren zu können. Selbst seine Konfession änderte er und konvertierte zum Katholizismus. Schließlich hatte er ja auch seinen Beruf gewechselt. Aus dem Vertreter des Chemie-Konzerns Saint-Gobain, der den Bauern in der Normandie und in der Bretagne künstlichen Dünger verkauft hatte, war er der Partisanen-Oberst, dann der Kommandeur der französischen Besatzungstruppen im Saargebiet, dann der Gouverneur, der Kommissar und am Ende der sogenannte Botschafter an der Saar geworden.

Von der Normandie bis zur Saar ist ein weiter Weg. Hier kannte ihn niemand, und noch heute liegt über der Vergangenheit des diplomatischen Vertreters Frankreichs ein Halbdunkel, das aufzuhellen Grandval bisher kein Interesse gezeigt hat. Genau weiß man nur, daß er 1904 geboren wurde, ob aber in Paris oder in Tunis, darüber gehen die Gerüchte auseinander. Manche behaupten, er sei ein Neffe Léon Blums und erklären damit die guten Beziehungen, die der eifrige Gaullist bis in die Reihen der Sozialisten hinein unterhält. Auch die umfangreiche französische Widerstandsliteratur gibt keine Auskunft über seine Laufbahn, ein „Oberst Grandval“ kommt nicht in ihr vor. Daß er bei Ausbruch des Krieges Leutnant der Reserve war, scheint jedoch festzustehen.

Eine äußerst schillernde Persönlichkeit also, die aber diesen etwas unheimlichen Glanz zu lieben scheint, den Glanz des großen französischen Namens, wie den einer ganz unfranzösischen, fast orientalischen Pracht- und Machtentfaltung. Als Diensträume hat er sich das Finanzamt von Saarbrücken ausgesucht. Dort thront er in dem weiten holzgetäfelten Saal hinter einem gewaltigen Schreibtisch, in respektabler Entfernung von der Tür. Seine eigentliche Residenz aber ist das prächtige Schloß der Freiherren von Stumm im Halberg, das in einem weitläufigen Wildpark gelegen ist. Das aber hat seinem satrapisden Luxusbedürfnis nicht genügt. Er hat die mittelalterlichen Mauern einreißen lassen, um Raum für eine Banketthalle angemessenen Ausmaßes zu schaffen, ein Schwimmbad angelegt und im Park eine Hauskapelle errichtet. „Grand-Val-Halk“ heißt im Volksmund die Residenz dieses ungekrönten Königs der Saar, der von seinen Kollegen bei der Militärregierung in Baden-Baden den Spitznamen „Gilbert I. von der Saar“ erhielt, obwohl die de Lattre und König dort auch nicht gerade bescheiden auftraten. Die Saarländer selbst aber fragen enttäuscht und erbittert: „Was ist der Unterschied zwischen dem Westwall und dem Grandval? Keiner! Beide haben nicht gehalten, was sie versprachen.“

Eine komische Figur? Gewiß, aber darum nicht weniger schädlich. Alles ist etwas zu rund an ihm: sein kurzgeschorener Kopf, sein dickes Gesicht, seine Augen mit den schweren Lidern, die etwas zu kurze Nase, das eitle Mündchen, das volle Kinn und die verfettete. Statur. Komisch wirkt auch das betont selbstbewußte Auftreten, besonders seitdem ihm die Uniform nicht mehr hilft, einen martialischen Eindruck zu machen. Sie ist auch durch den volltönenden Titel eines „Ambassadeur de France“ nicht zu ersetzen, wenn die Anzüge immer wieder zu eng werden.

Ein Snob, der mehr scheinen möchte, als er ist, angefangen von seinem falschen Namen bis zu seinem requirierten Schloß. Ein Angeber, der ehe eigene Politik gegen seinen Außenminister machen möchte und dem es doch nur gelingt, immer wieder Porzellan zu zerschlagen. Das Gegenteil also von einem Diplomaten. Die amerikanische Zeitschrift „Life“ spricht von ihm als dem „ehrgeizigen, aber untalentierten“ Botschafter. Aber seine „faux pas“ haben Methode. Er begeht sie seit Jahren systematisch kurz vor und unmittelbar nach jeder Verhandlung seines Außenministers mit dem deutschen Bundeskanzler. Die Schweizer „Tat“ stellt denn auch fest, daß Grandval „ein ganz persönliches Interesse an der Fortdauer des gegenwärtigen Zustandes an der Saar“ habe. Schon vor einem Jahr berichtete ein Sonderkorrespondent der „Monde“ aus Saarbrücken, ein Redner habe dort ausgerufen: „MacArthur-Grandval, scheren Sie sich nach Hause!“ Heute stellt sich die Frage, wer früher von der politischen Bühne verschwinden wird, der Außenminister oder sein Botschafter. Die deutsch-französische Verständigung steht auf dem Spiel.

Paul Bourdin