Das Auswärtige Amt in Bonn wird wieder einmal stark angegriffen. Begonnen wurde die Kampagne durch die „Frankfurter Rundschau“, die von amerikanischer Seite mit 1,6 Millionen Pressegeldern dotiert ist. Fortgesetzt hat sie die „Neue Zeitung“, ein amerikanisches Journal, das in München erscheint. Dieses Organ bezog daraufhin vom, amerikanischen Hohen Kommissar eine scharfe Rüge und mußte sich entschuldigen. Nunmehr begann der Bayerische Rundfunk einen neuen Angriff. Er liegt in der amerikanischen Besatzungszone. Was also steckt hinter diesen Angriffen?

Es gibt in der amerikanischen Verwaltung in Frankfurt am Main eine kleine Clique Fellowtraveller, von demi virges, Halbjungfrauen, wie Arthur Koestler sie genannt hat. Sie hat enge Verbindungen zu deutschen Zeitungen, besonders zu solchen, die sich bürgerlich gebärden, unter deren Lizenzträgern sich aber gleichfalls ehemalige Kommunisten befinden. Der amerikanische Hohe Kommissar John J. MacCloy ist den Mitgliedern dieser Gruppe gegenüber offenbar ebenso machtlos wie das State Department in Washington.

Doch woher kommt es, daß die Aktivität dieser Leute und ihrer deutschen Anhänger in weiten Kreisen der Bundesrepublik so starken Beifall findet? Selbst wenn man voraussetzt, daß bei vielen Menschen politisches Interesse mit Skandalsucht gleichzusetzen ist, weil es so befriedigend ist, sich moralisch zu entrüsten, wäre dieses Triumphgeheul der einen, dieses Entsetzen der anderen nicht ohne weiteres zu erklären. Sehen wir uns daher einmal näher an, was der Bayerische Rundfunk eigentlich behauptet.

„Aus den Zehntausenden deutscher Originaldokumente“, so gibt Associated Press die Sendung wieder, „die dem Nürnberger Internationalen Gerichtshof vorgelegen haben, gehe eindeutig hervor, daß zum mindesten die leitenden Beamten im damaligen Auswärtigen Amt von der Ausrottung der Juden gewußt und die entsprechenden Berichte abgezeichnet hätten.“ Zunächst sei festgestellt, daß dieser Prozeß kein internationaler Prozeß war, sondern ein amerikanischer. Daß diese falsche Behauptung, auf der die Amerikaner bestehen, um eine Revisionsmöglichkeit auszuschließen, sich im Bayerischen Rundfunk wiederfindet, ist sehr bezeichnend. Der Wilhelmstraßen-Prozeß“ war das Machwerk von Robert Kempner und würde mit Erpressung, Lügen und Verdrehungen geführt. Wie bei allen Nürnberger Prozessen war die Auswahl der Dokumente einseitig und willkürlich vom Ankläger vorgenommen worden. Der Verteidigung war es verboten, Einblick in das gesamte Material zu nehmen. Und auf diese Fälschungen des Herrn Kempner beruft sich der Bayerische Rundfunk!

Man darf hiernach legitimerweise mißtrauisch werden gegen das, was dieser Rundfunk sonst noch vorbringt. Und so fängt man denn an zu prüfen und stellt sehr schnell fest, daß diese Sendung des Bayerischen Rundfunks unerhört lüderlich verfertigt ist. Da heißt es, ein Mitglied des heutigen Auswärtigen Amtes, der Legationsrat von Strempel, habe zur Nazizeit von der deutschen Botschaft in Washington her die amerikanische Presse korrumpiert. Herr von Strempel aber ist überhaupt nicht Mitglied des Bonner Auswärtigen Amtes, sondern lebt als Privatmann in Düsseldorf, was der Bayerische Rundfunk leicht hätte feststellen können. Aber was eigentlich – angesichts der öffentlich geübten Unterstützung der deutschen Presse durch eine amerikanische Clique – wirft man ihm eigentlich Strafbares vor? Und weiter: Der Bayerische Rundfunk des Herrn von Cube behauptet, Erich Kordt, der beider Regierung von Nordrhein-Westfalen ist, nähme über seinen Bruder Theo Kordt Einfluß auf die personelle Besetzung des Auswärtigen Amtes. Wie macht er das eigentlich, da doch Theo Kordt Leiter der Länderabteilung im Auswärtigen Amt und nicht Personalchef ist? Wir wollen von weiteren unsinnigen Vorwürfen absehen, wie dem, daß sich Ministerialdirektor Melchers mit dem Großmufti eingelassen habe, der bekanntlich auch heute noch im Orient eine Figur ist, die man nicht umgehen kann. Wir wollen nur feststellen, daß nach diesen Beispielen die leichtfertigen Behauptungen des Bayerischen Rundfunks nicht so viel Vertrauen verdienen, wie viele deutsche Zeitungen ihnen blindlings gewährt haben.

Mitschuldig an dieser starken Resonanz, die der Bayerische Rundfunk in der deutschen Öffentlichkeit gefunden hat, ist in hohem Maße der Bundestagsausschuß zur Untersuchung der Personalpolitik des Auswärtigen Amtes. Er hat es gegen jede anständige Gewohnheit für nötig gehalten, sich in einem Zwischenbericht zu äußern, das heißt, vor Abschluß der Untersuchungen und ohne Vorlage von Material ein Urteil abzugeben. Dieser Ausschuß war eingesetzt worden, nachdem ein aus. der Bahn geworfener Hitleroffizier namens Heinze, der sich heute Mansfeld nennt, in der von den Amerikanern hoch dotierten „Frankfurter Rundschau“ Angriffe gegen das Auswärtige Amt lanciert hatte. Der Ausschuß ist insofern kompromittiert, als Herr von Cube erklärt hat, dem Verfasser seiner Angriffe hätten die Unterlagen dieses Ausschusses sowie anderer Unterlagen zur Einsicht vorgelegen. – Der Ausschußvorsitzende, der Abgeordnete Becker, dementiert emphatisch, daß sein Ausschuß solche Dokumente zur Verfügung gestellt habe. Aufschlußreich wäre es, wenn Dr. Becker, dem wir nicht den geringsten Vorwurf machen wollen, da er lange krank war und an den Sitzungen nicht teilnehmen konnte, die Mitglieder seines Ausschusses eidlich vernehmen würde. Einer von ihnen dürfte sich dann weigern zu schwören, er habe kein streng vertrauliches Material aus der Hand gegeben.

Wir möchten in dieser personell so peinlichen Angelegenheit unter allen Umständen Mißverständnissen begegnen. Wir meinen nicht den Abgeordneten Dr. Köhler. Doch sind wir allerdings der Ansicht, daß es eine erhebiche Taktlosigkeit der CDU-Fraktion war, diesen Mann für diesen Ausschuß zu nominieren, nachdem entgegen dem Vorschlag des Bundeskanzlers Köhlers Ernennung zum Botschafter in Australien nicht zu stände kam. Daß nach einem solchen Erlebnis der Abgeordnete Köhler nicht als unvoreingenommen bezeichnet werden, kann, liegt wohl auf der Hand.