Ferdinand Sauerbruch: Das war mein leben. (Kindler & Schiermeyer Verlag, Bad Worishofen. 640 S., Leinen 19,80 DM).

Erwin Beck: Gesundes Leben. (Hippokrates Verlag Marquardt & Cie., Stuttgart. Ganzleinen, 248 Seiten, 14,50 DM).

Messer und Schmerz werden für immer untrennbar sein“, behauptete der berühmte Pariser Chirurg Velpeau noch vor gut 100 Jahren. Aber bald darauf sollte es Horace Wells, einem Zahnarzt aus Hartford (USA), gelingen, ihn zu widerlegen. Auf einem Jahrmarktsbummel schlenderte er – mehr aus langer Weile als aus bewußtem Interesse – durch Coltons Schaubude. Colton gab Vorstellungen, in denen er Zuschauer auf die Bühne zitierte und sie Lachgas einatmen ließ, mit dessen Hilfe sie dann ihrerseits die Unterhaltung der anderen bestritten. Wells beobachtete, wie einer der Akteure sich schwer verletzte, ohne Schmerz zu empfinden. Dieser 10. Dezember 1844 wurde zur Geburtsstunde der Narkose. Die erste Demonstration im Massachusetts Krankenhaus mißglückte, da die technische Apparatur unzulänglich war, und eine Flut von Spott ergoß sich über Wells mit dem Ergebnis, daß die Entdeckung Jahre hindurch unbeachtet blieb. Als sie dann endlich Einzug in die Kliniken halten konnte, entstand ein Prioritätsstreit mit langen Prozessen und Intrigen. Aber die jahrhundertealte Furcht vor dem Schmerz war endlich gebannt. – Der Weg von der ersten schmerzlosen Zahnextraktion bis zur kombinierten endotrachealen Lachgas-Sauerstoff narkose mit Curare für Großeingriffe in Brust- und Bauchhöhle, der Weg vom Jahrmarktsscherz zum Dämmerschlaf der Geburtschirurgie, zu Veronal und den Barbiturpräparaten ist ein recht spannender Kampf. Helmuth Unger schildert dieses Kapitel der Kulturgeschichte mit ebensoviel Lebendigkeit wie Freude an der Materie selbst.

Ferdinand Sauerbruchs Autobiographie spiegelt in einer anderen Perspektive den Weg der Heilkunst. Ein großer Arzt, Chirurg und bahnbrechender Forscher erzählt uns hier in einfachen schlichten Worten sein Leben. Dieser Rückblick auf fünfzig Jahre ärztlichen Schaffens verbindet sich mit einem schönen Einblick in die Entwicklung chirurgischen, ja medizinischen Denkens überhaupt. 1902 schuf er die Thorax-Chirurgie. Die Ärzte lernten von ihm, wie man den Brustkorb operieren kann. Sein Zug zur Zusammenfassung der gesamten Chirurgie drängte ihn immer wieder zu engem Kontakt zwischen Technik und Heilkunst. – In eine Praxis von solchem Rang ist ein fast unübersehbarer Strom von Menschen eingeflochten. Lenin und Rothschild, Wilhelm II, Ludendorff und Hindenburg, die Häupter des Dritten Reiches zählten ebenso zu Sauerbruchs Patienten wie die Männer des 20. Juli. Die ungeschminkte Schilderung dieser Begegnungen macht das Buch zu einer ebenso kurzweiligen wie aufschlußreichen Lektüre,

Eine ganz andere Aufgabe stellt sich Erwin Beck in seinem Buch. Er rekapituliert nicht mehr die medizinischen Ereignisse, sondern versucht, sie für eine breiteste Öffentlichkeit, für die praktische Lebensführung im Alltag fruchtbar zu machen. Schon der Titel verrät, daß es weniger darum geht, wie man gesund wird, sondern wie man gesund bleibt. Der Verfasser ist Leiter des Kneipp-Sanatoriums Waldeck in Villingen (Schwarzwald). Seine Grundposition ist die Überzeugung, daß, wie immer die Zivilisation auch die Umweltverhältnisse wandeln mag, Gesundheit nur in der Pflege eines naturgemäßen Lebens möglich sei. Der Verfasser plaudert über richtige Ernährung, Haut- und Körperpflege, Abhärtung, Kleidung, Wohnung, über Entspannung und Erholung. Er gibt eine Wesensbestimmung der verbreitetsten Erkrankungen und ist bemüht um prophylaktische Ratschläge. So widmet er ein Hauptkapitel den Anwendungsmöglichkeiten und Wirkungen der natürlichen Heilverfahren. Indem er zeigt, wie sehr, es in der Hand des Menschen liegt, Krankheit zu vermeiden, appelliert er zugleich an die eigene Verantwortung, die jeder, sowohl in persönlicher wie auch in sozialer Hinsicht trägt.

Leo Nitschmann