Von Walther F. Kleffel

An diesem Wochenende werden die Einwohner Londons sich wieder mit hellblauen oder dunkelblauen Krawatten, Bändern und Blumen schmücken; gegen Mittag werden sie an die Ufer der Themse wandern, um dem Ruderrennen zwischen den Auswahl-Mannschaften der Universitäten von Cambridge und Oxford beizuwohnen. Wer für Cambridge ist, trägt hellblau, und wessen Herz für Oxford schlägt, wählt dunkelblau. Das ist seit über hundert Jahren auf der Strecke zwischen Putney und Mortlake so der Brauch und wird immer Brauch bleiben.

Wochenlang haben die Zeitungen des Commonwealth ihre Leser über diese beiden Mannschaften unterrichtet. Jede Phase des Trainings wurde beschrieben. Es wurden die Chancen der Hellblauen gegen die der Dunkelblauen abgewogen. Und wenn am traditionellen letzten Märzsonnabend an der Brücke von Putney das Startzeichen gegeben wird, darf man sicher sein, daß sowohl die Jungen von Cambridge wie die von Oxford top-fit ins Rennen gehen.

1829 maßen ihre Vorväter zum erstenmal ihre Kräfte, und noch heute bewahrt man im Wissenschaftlichen Museum von London das Boot auf, mit dem die Crew von Oxford ihr erstes Rennen bestritt. Vergleicht man dieses schwere, einem Vergnügungskahn ähnliche Boot mit den heute üblichen schnittigen Achtern, dann wird einem die Entwicklung klar, die der Rudersport inzwischen genommen hat. Damals ging es einigermaßen gemütlich zu. Wenn die Mannschaften müde wurden, legten sie einfach eine kleine Pause ein und erfrischten sich an Zitronen, die sie vorsorglich unter den Sitzen verstaut hatten.

Heute bedeutet das Rennen über die 6777,83 Meter lange Strecke Kampf von Anfang bis zu Ende. Zwanzig Minuten lang heißt es: Alles herausholen! Und dennoch winkt dem Sieger kein Ehrenpreis. Einer der schwersten Sportwettbewerbe der Welt bringt dem Sieger nicht die kleinste Medaille, nicht den bescheidensten Pokal ein. Die-einzige Erinnerung, die jedem der acht siegreichen Männer als sichtbares Zeichen bleibt, ist der Riemen, mit dem er das Rennen gerudert hat und in dem die Namen aller Teilnehmer des Rennens eingeschnitzt sind.

Das aufregendste Rennen war wohl das des Jahres 1877. Favorit war Oxford. Kurz vor dem Ziel lagen die Dunkelblauen noch erwartungsgemäß mit etwa zwei bis drei Längen vor ihrem Gegner, als plötzlich einem Oxford-Mann der Riemen brach. Diesen Moment nutzte Cambridge, kam schnell auf, und beide Boote gingen nebeneinander über die Ziellinie. Unentschieden. Ein Ergebnis, das seither nicht wieder vorgekommen ist. – Den größten „Reinfall“ zeitigte der Kampf im Jahre 1912. Bei stürmischen Westwind wurde das Rennen gestartet. Nach etwa 800 Metern hatte das Cambridge-Boot schon so viel Wasser übergenommen, daß es bald darauf sank. Oxford fuhr weiter, aber das Glück war auch den Dunkelblauen nicht hold: sie mußten nach drei Kilometern ihr Boot auf Strand setzen, um es vor dem Versinken zu bewahren. Schnell schöpften sie das Wasser aus und setzten das Rennen fort, um unangefochten durchs, Ziel zu gehen. Doch das Unheil nahte in der Gestalt eines harmlosen Zuschauers, der ahnungslos seinen Regenschirm an einen Ausleger gehakt hatte. Das war ein Verstoß gegen die Regeln, und das Rennen wurde für ungültig erklärt.

Wer wird diesmal siegen? Die Hellblauen von Cambridge stehen in der Siegerliste mit 53 Erfolgen an der Spitze vor den Dunkelblauen von Oxford, die 43mal als Erste die Zielmarke erreichen konnten. Man neigt allgemein der Ansicht zu, daß auch diesmal wieder die Leute von der „Cam“ vorn sein und ihrer ununterbrochenen Fünfer-Sieg-Serie einen sechsten anhängen werden. Es geht bei diesem Rennen für sie nicht nur. um den Sieg, sondern auch um ihre Teilnahme an den Olympischen Wettbewerben in Helsinki. Hofft England doch, diesmal auch den Amerikanern, die seit 1920 im „Olympischen Achter“ nie geschlagen wurden, ein Paroli bieten zu können, denn die Mannschaft vom Cambridge-Achter des Jahres 1952 soll noch besser sein als die des vorjährigen „Wunderbootes“, das nach einem grandiosen Siegeszug in den Vereinigten Staaten nur eine Niederlage durch eine australische Mannschaft hinnehmen mußte. Wenn das Wetter günstig ist, kann es geschehen, daß sogar der Rekord des Jahres 1948 von 17 Minuten 50 Sekunden – die kürzeste Zeit, die je zwischen Putney und Mortlake herausgerudert wurde – verbessert wird.