Von Egmont Zechlin

Der Bayerische Rundfunk hat in seiner Kampagne gegen jene Mitglieder des heutigen Auswärtigen Amtes, die auch zu Hitlers Zeiten in diplomatischen Ämtern waren, sich unter anderem kritisch mit der „Behauptung“ beschäftigt, es habe in damaligen Auswärtigen Amt eine geheime Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime gegeben. In diesem Zusammenhang fielen die Namen Theo und Erich Kordt, Hasso von Etzdorf und Gottfried von Nostitz. Dazu hieß es im Bayerischen Rundfunk: „Fest steht, daß die wenigen überlebenden Widerständler außerhalb des Auswärtigen Antes von der Existenz dieser unsichtbaren Gruppe nichts wissen.“ – Wir haben uns an Prof. Dr. Zechlin gewandt, der in dieser Sache authentische Auskunft geben kann.

Die Ereignisse des 20. Juli waren nur der dramatische Endpunkt einer Entwicklung, die schon in früheren Stadien die Aufmerksamkeit des Historikers erheischt. Zwei Staatsstreichpläne zeichnen sich hier ab. Auch sie haben ein tragisches Ende gefunden. Tragisch insofern, als sie bis in alle Einzelheiten vorbereitet waren und durch unvorhergesehene Ereignisse nicht zur Ausführung kamen.

Wir wissen heute, daß der Flug Chamberlains nach Deutschland und die Kunde von der Münchener Konferenz im Herbst 1938 einen Staatsstreich durchkreuzt haben, der militärisch jedenfalls gesichert war. Mit Weizsäcker und Halder standen bereits damals der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und der Generalstabschef des Heeres hinter diesem Unternehmen. Ging es im September 1938 um Krieg oder Frieden, so galt es bei einem zweiten Staatsstreich-Versuch im Herbst 1939, die Ausweitung des militärischen Geschehens zu einem wirklichen Weltkrieg zu verhindern. Hierzu fanden sich verschiedene Gruppen der Opposition in einem Augenblick. zusammen, als Hitler nach Beendigung des Polenfeldzuges am 27. September den Oberbefehlshabern der drei Wehrmachtsteile seinen Entschluß bekannt gab, die Westmächte anzugreifen und dabei die Neutralität Belgiens und Holland! zu verletzen. Im Generalstab wie im Auswärtigen Amt erinnerte man sich der politischen Folgen des Neutralitätsbruches von 1914. Und so reifte in Zossen, dem Sitz des Hauptquartiers des Heeres, der Entschluß, Hitlers Regime zu beseitigen und den Weg zu Friedensverhandlungen zu öffnen. Durch Geheimbefehl Haiders wurde unter seinem Stellvertreter, dem General Heinrich von Stülpnagel, ein Stab gebildet, der einen Aktionsplan ausarbeitete. Für die Durchführung des Putsches waren die Befehlshaber bestimmter Einheiten gewonnen, die auf dem Rückmarsch von Polen in der Nähe von Berlin standen. Hier taucht auch der Name des Generals Höppner auf, der später als einer der Hauptbeteiligten dem 20. Juli zum Opfer fallen sollte.

Da Halder als Generalstabschef keine unmittelbare Befehlsgewalt hatte, kam es darauf an, den Oberbefehlshaber des Heeres, v. Brauchitsch, zu gewinnen. Hitler hatte gerade den Angriffstermin im Westen auf den 12. November festgesetzt. In diesen Tagen wurde Brauchitsch, Halder sowie den anderen führenden Generalen in Zossen eine Denkschrift vorgelegt. In ausführlicher politischer, militärischer und moralischer Begründung wurde hier nachgewiesen, daß nur der Sturz Hitlers die Westoffensive mit ihrer Neutralitätsverletzung und damit die militärische Niederlage und Vernichtung Deutschlands verhindern könne. Der Verfasser dieses mit Unterstützung von Erich Kordt ausgearbeiteten Memorandums war der Vortragende Legatinsrat Hasso von Etzdorf vom Auswärtigen Amt. Dieser war von Weizsäcker zum Vertreter des Auswärtigen Amtes beim OHK bestellt worden. Seine Denkschrift ist für die Geschichte der Widerstandsbewegung in doppelter Weise bedeutungsvoll: einmal, weil Verfasser und Verbreiter sich bewußt in die Hände derer galten, die sie lasen (so daß sie damit vor die Alternative gestellt wurden, sie der Gestapo zu überantworten oder Mitverschworene zu werden), zum anderen, weil sie mit ihrem Inhalt ein aufschlußreiches Dokument über Wesen und Ziele jenes Kreises der Widerstandsbewegung ist und das Bild vermittelte, das man sich dort von der Entwicklung des Krieges machte.

Wenn die Kriegsfurie einmal aus dem Kasten gelassen sei – so lautet einer der Grundsätze des Etzdorfschen Memorandums –, so könne sie mit Vernunft nicht mehr zurückgehalten werden. Die Neutralen würden nur in einer Niederlage Hitlers die Sicherheit ihrer Existenz sehen; insbesondere würde Amerika mit Material und mit von Kreuzzugsgeist erfüllten Menschen in den Krieg treten. Die Sowjetunion würde „ihre Macht dort ausdehnen, wo es am wenigsten riskant ist, gegebenenfalls auch gegen Deutschland!“ Und weiter: „Es wird sich mithin gegen uns eine Front bilden, der wir auf die Dauer weder mit Kriegsmaterial, noch wirtschaftlich, noch moralisch gewachsen sein werden.“ Hitlers Entschluß zum Angriff wird zurückgeführt auf ein „Berauschtsein vom letzten blutigen Erfolge und Blutdurst“ und darauf, daß er die Brücken abbrechen wolle, damit kein Vergleichsfriede mit dem Gegner zustande komme. „Die sogenannte Unfehlbarkeit des Führers ist eine blasphemische Legende“. Der Fahneneid aber habe seine Gültigkeit verloren, „da Hitler, seine eigenen Pflichten vergessend, sich anschickt, Deutschland seinen besessenen Zielen zu opfern“. Nationale Pflicht des deutschen Soldaten sei es vielmehr, „seinem Vaterland gegen dessen Verderber die Treue zu halten“. Der Verfasser entwirft ein Friedensprogramm, das auch England und Frankreich die Möglichkeit geben soll, für die Neuordnung Osteuropas das Gesicht zu wahren, ein Programm, das Deutschlands ethnographische Grenzen, etwa auf der Grundlage der Münchener Konferenz erhält. „Die Mäßigung im Erfolge ist immer die größte politische Tat gewesen“, heißt es in Erinnerung an Bismarcks Frieden Von Nikolsburg.

Der wichtigste unmittelbare Erfolg dieser Denkschrift war ihr Eindruck auf Brauchitsch. Daß sie diesem kurz vor dem 30. Oktober 1939 vorgetragen worden ist, ergibt sich aus einer Mitteilung Goerdelers im Gespräch mit Hassell, der dies an diesem Tage aufzeichnet. Die Anweisungen Halders und Goerdelers, sich für den 5. November bereit zu halten, und durch General Wagner an Schacht, zeigen den Ernst des Wollens. Geplant wurden auch Attentate auf Hitler, da man von einer bloßen Verhaftung, wie sie bei dem Staatsstreichplan im Vorjahr vorgesehen war, den Bürgerkrieg befürchtete, dagegen sein Tod die Truppe ihres Eides entband.