Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W., Ende März

Von der „Welthandelskonferenz“, die in der ersten Aprilwoche zu Moskau stattfinden soll, erwartet der Kreml, daß sie eine Gelegenheit sei, den westlichen Geschäftsmann für das östliche Geschäft zu gewinnen. Anders als bei den vorangegangenen internationalen Konferenzen kommunistischer Couleur haben sich deshalb bei der Vorbereitung dieses Treffens die sowjetischen Behörden Zurückhaltung auferlegt. Von Kopenhagen, nicht von Moskau aus sind die Einladungen an Industrielle, Wirtschaftswissenschaftler und Konzernvertreter in aller Welt gegangen. Und aus den Einladungen geht hervor, daß diesmal nicht marxistische Theorien, sondern liberale Gespräche über bessere Wirtschaftsverbindungen, über Handelsabmachungen, über Rohstoffwünsche und Lieferungsmöglichkeiten die Themen der Unterhaltungen von etwa 300 Wirtschaftsleuten – möglichst aus der nichtsowjetischen Welt – sein werden. Sogar die Möglichkeit, in Moskau an Ort und Stelle Handelsabschlüsse zu tätigen, wird den Eingeladenen in Aussicht gestellt.

Als Generalsekretär dieser Konferenz hat Moskau einen Franzosen gewonnen. Es ist Robert Chambeiron, und er schreibt aller Welt: „Das Komitee hängt von keiner politischen Organisation oder Regierung ab. Ihm gehören Volkswirte, Industrielle, Finanzleute, Mitglieder von Außenhandelsorganisationen und Gewerkschaftsvertreter aus zwanzig Ländern an.“ Der Bundesverband der deutschen Industrie, der ebenfalls eingeladen war, hat abgelehnt. Wer aber aus der deutschen Sowjetzone wird der Einladung folgen? Ja, dies ist bemerkenswert: Weil es unter der dezimierten Privatindustrie niemanden mehr gibt, den man delegieren konnte, werden die Direktoren einiger volkseigener Werke, die Präsidenten von Industrie- und Handelskammern und einige der an einer ostzonalen Universität lehrenden Nationalökonomen nach Moskau reisen, um dort den liberalen Wirtschaftler zu spielen.

Die eigentlichen, die offiziellen Wirtschaftspolitiker der Sowjetzone aber werden im Hintergrund bleiben. So hat der stellvertretende Ministerpräsident der Zone, der Vorsitzende der staatlichen Plankommission, Rau, mit keinem Wort die Moskauer Konferenz erwähnt, als er dieser Tage vor der Volkskammer über die mangelhafte Erfüllung des ersten Jahresabschnittes des Fünf jahresplanes ausführlich Klage führte. Dieser Bericht ließ sogar jede Möglichkeit zu einer innerdeutschen, geschweige denn internationalen Wirtschaftsverbindung außer Betracht und feierte statt dessen die Sowjetzone als ein Gebilde, das sich mehr und mehr als ein autarkes Gebiet entwickele. „Unsere Industrie war infolge der Spaltung Deutschlands eine Rumpfwirtschaft. Nunmehr ist daraus eine harmonisch gegliederte Einheit geworden und wird es täglich mehr.“

Dies war die stilistisch verschönte, ideologisch verbrämte Wahrheit –: daß nämlich die Pläne nicht funktionieren können, weil Rohstoffe und Materialien trotz aller Zwangsmaßnahmen nur aus dem Westen zu beschaffen sind. Und diese Beschaffung von Materialien aus dem Westen, mindestens aber die Information-über die westlichen Beschaffungsquellen – dies ist fraglos die Aufgabe der Moskauer Handelskonferenz. Der Kreml will einkaufen – und vor allem dort, wo er bisher keinen Zugang hatte.