Die Flaute ist da, und so stellt sich nun die Frage, wie sie entstanden sei – dringlicher noch: die Frage, wie lange sie dauern, ob sie sich zu einer echten Depression ausweiten werde. In Hamburg, wo man reichliche Erfahrungen mit zeitweilig überladenen Absatzmärkten (zumal in Übersee) hat und weiß, daß jedes Überangebot „über kurz oder lang“ einmal verdaut wird, ist man kaum gewillt, die Flaute, soweit sie eben die Absatzlage betrifft, zu dramatisieren. Dabei ist „unser Platz“ wie ja überhaupt das Auslands- und Großhandelsgeschäft (und, im industriellen Bereich, der Absatz von Verbrauchsgütern) besonders betroffen. Die „normale“ (also saisonbedingte) Flaute des ersten Quartals wird verschärft dadurch, daß, wie man weiß, auf einer ganzen Reihe von Märkten zusätzlich zur allgemein schwachen (Weltmarkt-)Tendenz noch Verdauungsschwierigkeiten vorliegen: daß es also „Partien“ gibt, die notleidend sind oder es sehr leicht in Kürze werden können. Wie fast stets in solchen Zeiten, betrifft dies ganz überwiegend die neu (oder auch nur gelegentlich spekulativ) in das Import- und Großhandelsgeschäft eingestiegenen Firmen, während die alten Häuser mit ihrer sehr viel größeren Markterfahrung auch bei rückläufigen Preisen die auf der Ware liegenden (für sie meist nur buchmäßigen) Verluste doch durchzustehen vermögen.

Nun tut sich Prof. Erhard relativ leicht mit seiner Empfehlung „jetzt einzusteigen“, und mit seiner Prognose, daß der niedrigste Preisstand bereits erreicht sei: für eine ganze Reihe von Märkten braucht dergleichen gar nicht mehr prophezeit zu werden, weil die (Weltmarkt-) Notierungen eher anziehende als fallende Tendenz haben. Es fragt sich nur, ob die Schwierigkeiten bei Pfund und Franken für die sehr großen Gebiete, wo diese Währungen gelten, nicht doch noch dazu führen, daß die Einfuhren dahin teils heruntergedrückt werden, teils „von selber“ absinken, und daß es wegen der Währungssituation zu forcierten Warenangeboten aus jenen territorialen Bereichen kommt: sowohl bei Rohstoffen wie auch bei industriellen Verbrauchsgütern. Das sind Sorgen, die man sich wohl mit Recht machen muß, mag man im übrigen noch so optimistische Erwartungen haben, daß es der Routine Londons und der Pariser Improvisationskunst relativ bald gelingen werde, die anfällig gewordenen Währungen wieder aufzufüttern. Daß die seit Jahresfrist nicht mehr vom Rohstoff-Boom begünstigten Lieferländer in Übersee zunehmend vorsichtiger beim Einkauf geworden sind – auch unabhängig von der Pfund- und Frankenkrise, die ja keineswegs alle diese Gebiete betrifft –, wird für unser Exportgeschäft immer fühlbarer. Einen gewissen Ausgleich bedeutet es freilich, daß die Flaute nicht allgemein ist, sondern im wesentlichen ja nur die Verbrauchsgüter betrifft, bei anhaltend guter Konjunktur im Investitionsgüterbereich.

Im Inlandsabsatz ist es nicht recht erklärlich, warum die mehr in den Markt Positionen als in der „großen“ Markt läge begründete partielle Preisschwäche und Absatzflaute den Anlaß zu einer ausgesprochenen Zurückhaltung der Verbrauchernachfrage gegeben haben soll. Daß deshalb weniger gekauft wird, weil „das Publikum“ mehr an das Sparen denkt, ist – bei der hier in Frage kommenden Größenordnung, der Relation zwischen Nachfragerückgang und Einlagenzuwachs, das „Versicherungssparen“ eingerechnet – keine hinreichende Erklärung; sicherlich aber wird viel Geld für Anschaffungen (und Reisen!) zu Hause „hingelegt“. Der Strukturwandel im Bedarf oder, genauer gesagt, in der Nachfrage – hin zum „gehobenen Bedarf“, der nun in all seinen vielfältigen Formen wieder stärker wirksam wird, seitdem, der „einfachere“ Nachholbedarf sichtlich nachläßt – spielt da weiterhin eine kaum zu unterschätzende Rolle, wie ja mehr und mehr deutlich wird. Schließlich ist eine Verlagerung von „Kaufkraft“ aufs Dorf zu konstatieren, als Folge der relativ hohen, im Laufe der letzten vier Jahre eigentlich immer erneut wieder aufgestockten Preise für Getreide, Kartoffeln, Schweine... und dort wird das Geld stärker „festgehalten“, also nicht so schnell wieder ausgegeben wie in der Stadt, zumal wenn die Preise für Konsumwaren nicht gerade fühlbar steigen, wenn keine allwöchentlichen Inflations- oder Anti-Inflationsreden gehalten werden, und wenn es einmal keine politische Panikmache durch sowjetische oder antisowjetische Politik gibt. Eine gewisse Ruhe in diesen Dingen, wie wir sie nun seit Jahresfrist erreicht haben, erscheint dann eben leicht (vom Verkäufer aus gesehen und in Vergleich zu bewegten „besseren“ Zeiten gestellt) als echte Flaute...

Wenn man einmal ganz in Bausch und Bogen urteilen darf, so ist die Rückbildung eines übersteigerten Käufermarktes, der lange genug durch leichtes Geld und billigen Kredit in den USA (und von London her...) „angeheizt“ worden war, durchaus kein Unglück, sondern nur zu begrüßen. Wäre es schon soweit, daß auch die „Mangelwaren“ – Kohle, Schrott, Stahl, Metalle, Holz, Schwerchemikalien – bei normaleren Frachtsätzen reichlicher angeboten würden, so brauchte man diese Auffassung wahrscheinlich gar nicht weiter zu begründen ... Ob letztlich die Kreditpolitik des Federal-Reserve-Systems für die übersteigerte Nachfrage nach rüstungswichtigen und unwichtigen Waren seitens der Regierung und der Spekulation ebenso verantwortlich ist, wie für die nun schon seit einem vollen Jahr langsam abebbende Kreditflut, wild von der Wirtschaftshistorie zu entscheiden sein: wir stehen wohl noch zu nahe an den Dingen, um die wirkenden Kräfte einigermaßen richtig abschätzen. zu können. Die Forderung aber, der Ablauf der Dinge, wie er sich nun vollzieht, nicht weiter zu dramatisieren, besteht auch deswegen zu Recht, weil man nicht über Flaute und Umsatzschwund klagen und gleichzeitig die Kreditexpansion fortsetzen kann. Die Bank deutscher Länder würde schlußfolgern, daß neu geforderte Kredite ganz überwiegend dazu bestimmt seien, schwache Positionen durchzuhalten: vielleicht im Warenhandel, vielleicht im Aktiengeschäft, das ja immer in engen Wechselwirkungen zu den Warenbörsen zu stehen pflegt, oder wo sonst auch immer... G. K.