Von Paul Hühnerfeld

Viele Wege führen zur Gesundheit: Die Ärzte, die wir besuchten, gingen einen besonderen, aber sie behaupteten nicht, daß er der einzige sei. Sie wollten nur die Anerkennung ihres Weges. Ist das zuviel verlangt, wo sie doch besondere Erfolge haben? Wir setzen heute unseren Bericht fort. Es wird darin die Rede sein von einem Mann, der ein großer Wissenschaftler ist, und einem anderen, einem einfachen praktischen Arzt. Wir glauben, daß bei aller Verschiedenheit der beiden ihr Gemeinsames – das unbedingte Helfenwollen – größer ist.

Wir behandeln hier hauptsächlich das vegetative Nervensystem“, erklären die Ärzte in Höxter. Aber nicht nur in Höxter, überall in den Sprechstunden der Ärzte sagen die Patienten: „Es sind die Nerven, Herr Doktor.“ Nun, es sind gerade nicht die Nerven allgemein, nicht jene Nerven, die dem Zentralnervensystem angehören. Sondern es handelt sich um das vegetative Nervensystem, das nicht vom Großhirn aus gelenkt wird. Und eben dieses System ist bei den meisten Menschen heute nicht mehr in Ordnung. Viele leiden an der sogenannten „vegetativen Neurose“, fast alle an den „vegetativen Störungen“.

Die vegetative Neurose hat mit der klassischen Neurosenlehre Freuds nichts zu tun, auch nicht mit der modernen Psychiatrie. Freud hatte ja die Neurose als Folge einer Verdrängung definiert. Beispielsweise: Ein Jüngling liebt ein Mädchen und ist doch zu schüchtern, ihr seine Liebe zu gestehen. Eine Zeitlang leidet er, aber da kein Mensch gern lange leidet, „redet er sich“ das Mädchen schließlich „aus“. In Wirklichkeit – so argumentiert Freud – hat er jedoch den Wunsch ins Unbewußte verdrängt. Dort rumort sein Wunsch weiter, bis er als Begierde nach einer „Ersatzbefriedigung“ wieder an die Oberfläche des Bewußtseins steigt. Diese Ersatzbefriedigung aber wird von der „moralischen Zensur“ entrüstet abgelehnt und erneut in den Hades des Unbewußten zurückbeordert. Dies ist die eigentliche „Verdrängung“. Sie fließt nach einer gewissen Zeit in den Körper über und äußert sich in bestimmten Symptomen. Sie „konvertiert“ in den Körper, und es kommt nun zu neurotischen Störungen verschiedener Art: zu Kopfschmerzen, Müdigkeit, Migräne, Verdauungsstörungen, Brechreiz und Zittern: die klassischen Anzeichen der Neurasthenie. In schlimmeren Fällen ist das sichtbare Produkt der unsichtbaren Verdrängung die Hysterie in ihren Erscheinungsformen: Angst, Stottern, Lähmungen, Arm- und Beinschlenkern und Schreien.

All diese Erscheinungen führt Freud mit Recht auf eine psychische Ursache zurück und verlangte deshalb vom behandelnden Arzt eine Therapie, die auf die Seele zugeschnitten war. Der Arzt müßte zu dem Grunderlebnis vordringen und das Trauma – die seelische Verwundung – beseitigen. Bei Freud vollzog sich diese Therapie, indem Schritt für Schritt der Weg des Verdrängungsvorgangs wieder zurückgelegt wurde. Diesen Weg gingen Arzt und Patienten zusammen, er dauerte mehrere Wochen, in schweren Fällen sogar Monate und Jahre. Übrigens hat die Psychiatrie dieses Verfahren nie ganz gebilligt, weil sie die Freudschen Grundtheorien als zu einseitig ansah. Aber auch sie suchte bei der Neurose nach einer rein psychischen Ursache.

Die Hysterie stirbt aus

Solche Psychoneurosen, zu deren bekanntesten die Hysterie gehört, waren zu Beginn dieses Jahrhunderts bis in die zwanziger Jahre hinein sehr häufig. Im ersten Weltkrieg hat es viele Fälle hysterischer Lähmungen gegeben. Beispiel: Da wollte ein Mann nicht. schießen, aber eine Weigerung hätte Kriegsgericht bedeutet: also wurde der Wunsch verdrängt und siehe da – nach einer gewissen Zeit war es ihm nicht mehr möglich, den Arm zu heben. – „Nachdem ersten Weltkrieg“, so erzählte uns ein Psychiater, der Gutachter für das Versorgungsamt ist, „sind jeden Tag Hysteriker unter den zu begutachtenden Patienten gewesen.“ In der Tat, man traf ja auch an den Straßenecken Schüttler und Zitterer, und eine milde Form der Hysterie war sozusagen modern. Der Rhythmus der zwanziger Jahre, ein großer Teil des Expressionismus, die Literatur von damals ist mit echter Hysterie geladen. Die Schrecken des ersten Weltkriegs wurden verdrängt...