Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen haben ihre Neuerwerbungen zeitgenössischer Malerei und Plastik aus den Jahren 1945 bis 1950 auf Reisen geschickt. Das ist verdienstvoll insofern, als Menschen, die weder Geld noch Gelegenheit haben, nach Bayern zu fahren, nun in ihrem Heimatort Kunstwerke der Münchener Sammlung sehen können. Andererseits ist es auch gefährlich. Denn von ihrem eigentlichen Standort losgelöst, präsentieren sich diese Bilder gewissermaßen im leeren Raum, so als hätten auf ihren Ankauf keine lokale Atmosphäre und keine örtlichen Rücksichten einen Einfluß ausgeübt, so als stellten sie das Beste dar, was in jenen Jahren überhaupt hätte erworben werden können. Und ‚auf diese Weise entsteht ein ganz falscher Eindruck, der zu sehr,schiefen Urteilen Anlaß geben könnte.

Die Münchener Bilder kann man in diesen Wochen im Hamburger Kunstverein sehen. Im gleichen Gebäude, der Hamburger Kunsthalle, sind auch die Hamburger Neuerwerbungen der Nachkriegsjahre ausgestellt. Was ist beiden Sammlungen gemeinsam? Zunächst: Die Galeriedirektoren müssen Rücksicht nehmen, Rücksicht auf die heimischen Künstlerverbände, Rücksicht auf Gesellschaft, Verwaltung und Politik. Da sind die Münchener in Hamburg natürlich von vornherein unterlegen. An die Hamburger Rücksichtnahme ist man in Hamburg gewöhnt. Man schaltet daher bei der Betrachtung der Hamburger Kunstwerke ganz mechanisch die Ankäufe aus, von denen man weiß, daß sie eine Konzession bedeuten. Von den Münchenern aber erwartet man, hypokritisch, daß sie die Kunst konzessionslos, in vollendeter Reinheit darstellen, denn man kennt den Grad der Rücksicht nicht, der in München genommen werden muß. Darauf aber kommt es an.

München ist eine Kunststadt, Hamburg nicht. – Infolgedessen haben es Galeriedirektor und Künstler in Hamburg leichter als in München, so paradox dies klingen mag. Weil der Kreis der Kunstfreunde in Hamburg klein ist, können die Künstler kompromißloser schaffen, denn sie wenden sich ja nicht an eine breite Menge, die beansprucht, kunstverständig zu sein. Ebenso braucht der Galeriedirektor bei seinen Ankäufen kaum Konzessionen zu machen: er darf sich als derPräzeptor einer kunstfeindlichen Stadt fühlen. Dies ist in Hamburg seit Lichtwark Tradition.

Ganz anders verhält es sich in München. Seit Ludwig I., seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts also, ist hier der Künstler ebenso ein Attribut der Stadt wie die Frauentürme. Er wird gepflegt, und sein Ideal ist Lenbach, der es zum Millionär gebracht hat. Die Kunst‘ wendet sich an eine breite Schicht. Sie hat daher eine gefällige, ein wenig blasse Note. Der Staat hat die Verpflichtung, sie als eine Institution zu pflegen, die aus München nicht verschwinden darf. Hin und wieder, wie das bei solcher soziologischer Struktur nicht zu vermeiden ist, bricht eine Revolte gegen dieses Bündnis von Staat und Künstler aus, so in Schwabing vor dem ersten Weltkrieg in der Bewegung „Der Blaue Reiter“. Doch wenn man heute bei den Münchener Ankäufen einige besonders radikale Zeugnisse jener Zeit von Franz Marc und Wassili Kandinsky sieht, so spürt man, wie auch dieser Aufruhr das Geschmäcklerische nicht verschmähte, und auch bei ihm ist ein Seitenblick auf den Beifall der Menge nicht zu verkennen.

Kein Wunder, daß bei den Münchener Ankäufen daher die einheimischen Künstler dominieren. In Hamburg sind sie durchaus in der Minderzahl, und sie bestimmen nicht das Niveau, sondern werden in ein sehr hohes Niveau eingeordnet und müssen versuchen – was nicht immer gelingt – diesem Maßstab standzuhalten. In München vollzieht sich der Vorgang umgekehrt. Hier wurden – so zeigt die Ausstellung – die nichtbayerischen Kunstwerke so ausgewählt, daß sie sich der heimischen Übung angleichen. Die Hamburger Ankäufe sind so erfolgt, daß bei den modernen, den Malern der „Brücke“ etwa, die schroffsten Zeugnisse ihrer revolutionären Kunst, die zu finden waren, ausgewählt worden sind. Aber die Nolde, Schmidt-Rottluff und Kirchner, die die bayerischen Sammlungen erworben haben, würde niemand für Bilder dieser Maler nehmen, so sehr sind sie nach bayerischem Geschmack ausgesucht, so münchnerisch wirken sie.

Hier zeigt sich wieder, wie stark die nivellierende Kraft der Münchener Kunst und des Münchener Geschmackes ist. Thomas Mann hat einmal in einem Gespräch nach den Ursachen gefragt, die zu dieser Erscheinung führen. Er beantwortete schließlich seine Frage selbst und meinte, diese Nivellierung liege daran, daß das Münchener Künstlertum eine künstliche Pflanzung des bayerischen Hofes von Anfang des 19. Jahrhunderts sei, weshalb man es ihm denn auch nicht vorwerfen dürfe, daß es keine starken Naturtriebe hervorbringe. Martin Rabe