An der Wiener Börse wurden die Aktien der Steyr-Daimler-Puch AG. im Dezember 1950 für 45 bis 48 S je 100-Schilling-Aktie gehandelt. 1951 setzte dann eine steile Aufwärtsbewegung dieses Papieres ein, das zum Jahreseide schon 295 S kostete und in den ersten Monaten dieses Jahres mit dem Kurs 320 notierte. Diese Entwicklung betrifft speziell die Steyr-Aktien, während die Kurse ähnlicher Industriepapiere – etwa derjenigen der verstaatlichten Eisenindustrie – seit Korea nur geringe Verbesserungen erfahren haben.

Was ist die Ursache dieser Entwicklung? In Wien wird seit langem davon gesprochen, daß „die Amerikaner“ die Steyr-Automobilwerke erwerben und Österreich bald eine großzügige Pkw-Produktion bescheren wollen. Tatsächlich wären im Hauptwerk der AG., in der oberösterreichischen Stadt Steyr, die knapp hinter der amerikanisch-sowjetischen Enns-Grenze auf amerikanischer Zonenseite liegt, alle Ankgen zur Aufnahme einer Pkw.-Produktion vorhanden. Bereits vor 1938 belieferte’ Steyr der eigenen Markt und viele europäische Länder mit, Pkw. Nach Kriegsende sollte der Kleinvagentyp

„Steyr 50“ weiterproduziert und später die Erzeugung einer Drei-Liter-Limousine aufgenommen werden, von der ein einzelnes Versuchsexemplar gegenwärtig noch in Betrieb ist.

Zwar besitzt Steyr nicht mehr die Anlagen der Zeit vor 1945, denn in der letzten Phase des Krieges haben Sowjettruppen die Maschinen demontiert. Aber über 200 moderne Werkzeugmaschinen aus dem Besitz der früheren Flugmotoren-Produktionsstätten der AG., zum Teil schon 1944 westwärts geschafft, ständen heute zur Verfügung, wenn in Steyr der Automobilmotorenbau in größerem Umfang aufgenommen würde.

Da sich das Gros der Aktienpakete der Steyr-Daimler-Puch AG. nach dem Anschluß in Berlin befand, wurden die Werke nach dem Potsdamer Abkommen von den Alliierten beschlagnahmt; die in den Westzonen gelegenen Produktionsstätten in Steyr (amerikanisch besetzt) und Graz (britisch besetzt) wurden als „Deutsches Eigentum“ der österreichischen Regierung zur Treuhandverwaltung übergeben. Das ist der heutige Status der Steyr-Daimler-Puch AG. Aber nicht nur wegen der eigentumsrechtlichen Lage, sondern mehr aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus schien das – bisher weder bestätigte noch dementierte – Gerücht bemerkenswert, daß „die Amerikaner“, also etwa ein amerikanischer Automobilkonzern, sich für Steyr interessieren könnten: Österreich besitzt heute keine eigene Pkw.-Produktion. Lediglich im Montagebau stellen österreichische Firmen Personenwagen in beschränkter Anzahl her, und zwar Steyr drei Fiat-Modelle, wovon die Typen „1150“ und „1400“ bereits in großen Mengen auf den österreichischen Straßen zu sehen sind, ferner die Wiener Werke Gräf & Stift und Saurer in verschwindend kleinen Mengen den tschechischen Aero-Minor und die DKW-Meisterklasse.

Der österreichische Pkw.-Bedarf wird auf etwa 20 000 Wagen in den ersten Jahren nach Aufnahme einer eigenen Inlandproduktion geschätzt, sofern der österreichische Pkw. das ausländische Angebot aus dem Felde schlagen könnte. Bei den geltenden Zöllen, die heute einen Wagen wie etwa den Opel-„Kapitän“ mit 28 000 S (rund 5600 DM) belasten, wäre dies wohl kein Kunststück. Aber in der Zahl 20.000, die als Jahresbedarf angegeben wird, drückt sich vor allem ein großer Nachholbedarf aus, der durch die systematische Behinderung des Auto-Imports seit Kriegsende entstanden ist. Mit welchem Jahresbedarf nach Deckung der ersten Mehrnachfrage zu rechnen ist, läßt sich schwer voraussagen.

Die österreichische Lkw.-Produktion aus den genannten Werken in Steyr und Wien ist bedarfsdeckend. Die Kapazitäten reichen sogar für beträchtliche Exporte aus. Ebenso ist Österreich in Motorrädern nicht Importeur, sondern Exportland; das gleiche gilt für Traktoren und wird in Kürze auch für Motorroller gelten, die außer von dem Wiener Werk „Lohner“ nun auch von den Puch-Werken in Graz herausgebracht werden. Darüber hinaus aber wird bekannt, daß mit ERP-Hilfe der Bau von Station- und Lieferwagen mit Dieselmotoren in Österreich aufgenommen wird. Bisher mußten Lieferwagen importiert werden, wobei in letzter Zeit der deutsche Gutbrod-Wagen in allen möglichen Varianten führend in Erscheinung trat, nachdem in den Jenbacher Motorenwerken (Tirol) der Montagebau dieser Wagen aufgenommen worden war. Ob die Erzeugung von reinösterreichischen Station- und Lieferwagen einen Schritt „in Richtung bedeuten könnte, wird sich erst herausstellen. Dieser Pkw-„Versuch“ mit einem Diesel-Stationwagen wird allerdings nicht bei der Steyr-Daimler-Puch AG., sondern von einer Arbeitsgemeinschaft zweier Wiener Firmen, wovon die eine die Lohner-Werke sind, gestartet.