Else Lasker-Schüler: Dichtungen und Dokumente (Kösel-Verlag zu München; ausgewählt und herausgegeben von – Ernst Ginsberg, 631 S., 7 Bildtafeln, Leinen, 28,– DM.) Else Lasker-Schüler. Eine Einführung und Auswahl. (Herausgegeben von Werner Kraft; Franz-Steiner-Verlag, Wiesbaden; 106 S., 2 Bildtafeln, 4,80 DM.)

Am großen Ecktisch im Romanischen Café hat sie Sigismund von Radecki eine frühe Erinnerung erzählt: „Einmal hatte das Kind Fieber und der Arzt wurde ans Bett gerufen. Der beugte sich mit seinem Bart über die Kranke. Da flüsterte sie:

Deine Haare sind so schwarz und dicht.

Sie locken sich,

Mich locken sie nicht.“

Hier ist im Keime schon alles beisammen, was später Else Lasker-Schüler, die Dichterin aus dem Augenblick, ausmacht: das Sehen in Bildern, das Behextsein vom Wort und die Faszination durch den Reim.

Dieser Trieb zum Dichten muß urmächtig gewesen sein in der Nachfahrin aus dem jüdischen Patriziat Elberfelds – so urmächtig, daß sie selbst in ihrer reifen Zeit die kontrollierende und korrigierende Funktion des Kunstverstandes nicht einzuschalten vermochte, sondern es bei fast jedem Gedicht mit der ersten Eingebung bewenden ließ. „Nicht das Gedicht ist wichtig“, sagte sie, „sondern der dichterische Zustand, in dem man es schafft.“