Den kranken Menschen als körperliche und seelische Ganzheit zu erfassen, ist ein uraltes Gebot ärztlicher Kunst. Es war verlorengegangen in der Zei- einer allzu großen Spezialisierung der medizinischen Wissenschaft. Nun aber hat sie sich wieder der Ganzheit zugewandt. Die Wissenschaft ist abgekommen von der einseitigen Lokalbehandlung, abgekommen aber auch von einem leichtfertigen „Psychologismus“, der nahezu alle körperlichen Beschwerden auf seelische Ursachen zurückführen wollte. Die Erkenntnis vom oft unentwirrbaren Durcheinander des Physischen mit dem Psychischen hat eine neue Richtung in der wissenschaftlichen Medizin geschaffen: die Psychosomatik, die der Heidelberger Arzt Viktor von Weizsäcker begründet hat.

In einem seiner Aufsätze schildert Weizsäcker den Fall einer an Zucker erkrankten Frau. Die Patientin litt an Juckreiz und war deswegen in die Klinik eingeliefert worden. „Diese 58jährige Frau bekam vor 14 Jahren schon einmal dieses unerträgliche Jucken ... Und damals wurde entdeckt, daß sie Zucker ausscheidet und an Diabetes leidet.. Es ist kein schwerer, aber auch kein ganz leichter Fall. Sie braucht jetzt 30 Einheiten Insulin, um zuckerfrei zu sein...“

Und nun schildert Professor von Weizsäcker die Beseitigung des Juckreizes durch die Behandlung der – Zuckerkrankheit. Das ist psychologisch nicht zu erklären: Die Diabetes hat nichts mit Hautjucken zu tun. Soll man also das Jucken auf eine psychische Ursache zurückführen? Warum aber verschwand es dann, als die Diabetes internistisch behandelt wurde?

Ein zweiter Fall: „Der Kranke ... kam in die Sprechstunde. Flüsternd aber doch vernehmlich bekundete er, sein Elend komme vom C2H5OH. Obwohl er weder Chemie noch Medizin studiert hat, benutzte er diese Formel, um zu bekennen, daß er ein Säufer ist ... Es gelang (in der Klinik) zunächst nicht, den süchtigen Lebenswandel zu stoppen. Plötzlich aber war der Patient auf ganz andere Weise schwer krank: eine akute Auftreibung des Leibes entstand und erwies sich als bedingt durch Flüssigkeitsansammlung in der Bauchhöhle. Seitdem der Patient diese manifesten Zeichen einer Lebercirrohse hat, ist er ganz anders krank. Der Mißbrauch von Alkohol hat aufgehört, und er hat keine Sehnsucht mehr danach ... Statt der Suchtkrankheit hat er eine organische Krankheit bekommen.“

Diese beiden Krankheitsgeschichten – so schrieb von Weizsäcker – sind verschieden und doch zugleich ähnlich. Gemeinsam ist beiden: das auf den ersten Blick als psychisch oder neurotisch anzusprechende Leiden – der Juckreiz der Frau, die Trinksucht des Mannes – werden durch eine Veränderung des organischen Befindens gebessert. Verschieden aber war die Art der Veränderung des organischen Leidens. Während bei der Frau die Diabetes gebessert wurde und dann der Juckreiz verschwand, wurde bei dem Mann das Leberleiden verschlimmert und die Trinksucht gebessert. Die organische Krankheit hat im Falle des männlichen Patienten die Psychoneurose verdrängt. Und Weizsäcker schließt: „Nach dem ersten kann Körperliches Seelisches bedingen, denn der Juckreiz kommt und geht mit der Zuckerausscheidung; aber auch Seelisches kann Körperliches bedingen, die psychoneurotische Sucht führt zur Lebercirrohse.“

Diese beider! Fälle sind typisch für die Untersuchungen der Psychosomatik, die beide, Psyche und Sorna, Seele und Leib, des Menschen gleich, beachtet. Sie sind aber auch typisch für die heutigen Patienten, deren Krankheiten oft deshalb so rätselhaft sind, weil irgendwann eine „Psychisierung“ oder „Somatisierung“ der Beschwerden eingetreten ist.

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