B. P. Stockholm, Mitte März

Fast täglich erfährt man von neuen Zeichen einer nahenden wirtschaftlichen Depression. Kleinere Textilfabriken geben bekannt, daß sie ihre Produktion aus Mangel an Aufträgen stilllegen müssen, bis „die Zeiten sich wieder gebessert haben“. Anfangs hat sich die Regierung demgegenüber auf den Standpunkt gestellt, daß es nichts schade, wenn schwache Nachkriegs- oder Kriegsgründungen wieder verschwinden, da man die Arbeitskräfte „mit Leichtigkeit“ bei den Exportindustrien unterbringen könne. Jetzt aber ist die Lage der schwedischen Textilindustrie so ernst geworden, daß der Wehrminister rasch 50 Mill. Kronen beantragt hat, um mit Staatsaufträgen an Wolldecken und Wollkleidung helfend einzugreifen. Denn bei den privaten Verbrauchern dauert der Käuferstreik nach wie vor an. Zwar hofft man, daß die Lohnerhöhungen um etwa 12 bis 15 v. H. den Widerstand der Käufer nach und nach überwinden werden. Der Verbraucher aber rechnet offenbar damit, daß die Preise fallen werden, und entwickelt deshalb eine erhebliche Spartätigkeit, die zu erheblichen Einlageüberschüssen bei den Kassen führte.

Nicht nur die Textil- und Lederindustrie spürt den Rückgang der Konjunktur: die Eisenwerke machen von der Einreisegenehmigung für mehrere hundert ausländische Arbeiter keinen Gebrauch; im Einzelhandel und in den Büros beginnt man größere Ansprüche an die Fähigkeiten der Arbeitskräfte zu stellen, und Gelegenheitsarbeiten sind seltener geworden. Zum ersten Male seit 15 Jahren herrscht in Stockholm kein Mangel mehr an Hausangestellten. Das Hotel- und Gaststättenwesen will allerdings einige hundert Arbeitskräfte aus Deutschland während der Sommersaison anläßlich der finnischen Olympiade einstellen.

An der Stockholmer Börse bröckeln die Kurse seit Monaten ab, und die Krediteinschränkungspolitik der Reichsbank hat in der letzten Zeit zu erheblichen Kurseinbußen selbst bei beliebten Papieren geführt. Auch auf dem Kraftwagenmarkt spürt man das Nachlassen der Konjunktur. Steuern und Versicherungsprämien sind übersteigert oder werden jedenfalls als so empfunden. Auf sofort lieferbare Volvo-Kleinwagen werden nur noch geringe Aufschläge gezahlt Teurere Wagen sind immer schwerer verkäuflich, und die Preise für gebrauchte Wagen sinken. Auf dem Häusermarkt mehrt sich die Zahl der Angebote. Man versucht noch schnell aus den gegenwärtigen Rekordpreisen Nutzen zu ziehen; die wachsende Geldknappheit aber macht Abschlüsse nicht leicht.

Der Fels, der das Abrutschen der Konjunktur bisher immer noch verhindert hat, waren die hohen Preise, die die schwedische Zellstoffindustrie im Ausland erreichte. Seit aber Großbritannien um 20 v. H. niedrigere Höchstpreise für skandinavische Zellulose einführte und man den Käufern in anderen Ländern, vor allem in Frankreich, Westdeutschland und den Niederlanden, gleichfalls entgegenkommen mußte, ist dies Bollwerk gefallen. Nun rechnet man mit entsprechend, niedrigeren Preisen für Papier und Holz, und der Markt ist abwartend. Der Einzelhandel steht auch hier mit teuer eingekauften Lägern da.

Das alles bleibt natürlich nicht ohne Rückwirkung auf die Kauflust. Alle Versuche, sie im Inland durch die vom Liquiditätszwang verursachten Ausverkäufe zu beleben, haben nichts gefruchtet. Der Textilhandel steht vor dem Problem, um 900 Mill. Kr. zu große Läger bei sinkenden Kreditmöglichkeiten abzusetzen. Aber auch die Kauflust der Importeure geht zurück, soweit es sich um Verbrauchswaren handelt. Der Devisenausfall – allein durch die verminderten Zellstoffpreise – wird auf etwa 1000 Mill. Kr. veranschlagt. Die Regierung steht vor der Aufgabe, sich recht plötzlich von der kaufkraftabschöpfenden Anti-Inflationspolitik auf eine Wirtschaftsbelebungspolitik umzustellen. Das wird nicht einfach mit z. B. einer Freigabe der Bautätigkeit getan sein, da die Baulust verschwand, weil das Bauen zu teuer wurde. Deshalb wird es vermutlich nicht nur bei dem einen Staatsauftrag für die Textilindustrie bleiben. Weitere werden folgen müssen. Sonst könnte es sein, daß mit sinkender Konjunktur – horribile dictu – auch die Steuereinnahmen sinken...