Nichts Besseres gibt es für den Menschen, als daß er esse und trinke und fröhlich sei, und seine Seele guter Dinge sei bei seiner Arbeit, die kurze Zeit seines Lebens unter der Sonne, die ihm Gott gibt: denn das ist sein Teil.

Prediger Salomo, 5, 17–19

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau hat in ihrem dritten Geschäftsjahr (also 1951) rund eine Milliarde an Investitionsmitteln durchfinanziert und damit ein Kreditvolumen von 3,5 Mrd. erreicht, wovon 1,4 direkt und 2,1 über andere Institute gegeben wurden. Einschließlich der auf Wechselbasis durchgeführten mittel- und langfristigen Exportfinanzierung und der lediglich kassenmäßig (also ohne eigene Haftung) durchgeleiteten Beträge waren Ende 1951 bei 5,1 Mrd. DM an zugesagten Mitteln (wovon 4,5 Mrd. als "bereitgestellt" verfüglich) insgesamt 4,6 Mrd. an Krediten zugesagt und hiervon 4,2 Mrd. abgerufen. Dabei blieben die Geschäftsunkosten des Instituts im Berichtsjahr, mit 1,65 Mill. DM Personal- und 0,68 Mill. Sachkosten, wiederum bemerkenswert niedrig. Das Passivgeschäft betrifft, wie bekannt, im wesentlichen die Gegenwertmittel (ECA, Garioa, Steg – neuerdings auch Zins- und Tilgungsbeträge aus darauf beruhenden Krediten); dazu kommen die zur Vorfinanzierung der Investitionshilfe gegebenen Mittel des Zentralbanksystems. Im Aktivgeschäft stehen obenan die Posten Energiewirtschaft (rd. 900 Mill. DM, nach den abgerufenen Beträgen), "sonstige Industrie" (800 Mill.), Bergbau (500 Mill.), Exportfinanzierung (500 Mill.), Wohnbau (400 Mill.), Landwirtschaft und Ernährungsindustrie (300 Mill.) und Verkehr einschl. Schiffbau (220 Mill.); erst dann folgt Eisen und Stahl mit 180 Mill., während alle übrigen Posten noch weitere 320 Mill. DM ausmachen dürften.

Gemessen am Gesamtbetrag der Investitionen, der für 1951 im Bundesgebiet auf 20,4 Mrd. für Anlagen und Vorratsanbau plus 7,6 Mrd. für laufende Ergänzungen ("Normalabschreibungen") geschätzt wird, erscheint die eine Milliarde der in diesem Jahre über die Kreditanstalt "zentralgesteuerten" Beträge nicht übermäßig hoch. Aus Mitteln der öffentlichen Haushalte beispielsweise ist mehr als der dreifache Betrag (nämlich 3,5 Mrd., gegen 2,9 i. V.) für Investitionen verwandt worden. Für das laufende Jahr sind aus dem ECA-Gegenwertfonds "nur noch geringe Mittel" (wie der Bericht sagt) zu erwarten, nämlich (abgesehen von dem noch nicht abgewickelten Teil des III. Programms) etwa 300 Mill. DM. Dazu stehen an Zins- und Tilgungsbeträgen aus früher gegebenen Krediten dieser Art rd. 180 Mill. zu erwarten – falls sie nicht auf die erste Annuität zur Abdeckung der Nachkriegsschulden "um-’ gebucht" werden. Dann kommt die Investitionshilfe, mit den erweiterten Möglichkeiten einer "Investitionsfinanzierung über den Preis", die zugunsten der Grundstoffindustrien mit ihr verkoppelt sind. (Die Milliarde DM der eigentlichen Investitionshilfe ist zu je etwa einem Viertel "eingeplant" für Bergbau, Stromerzeugung und Stahl; in den Rest teilen sich Gas mit 126 Mill., Wasser mit 60 und Waggonbau mit 50 Mill.). Bei einer im Grunde pessimistischen Beurteilung aller weiteren Möglichkeiten der inländischen Kapitalbildung und -bereitstellung wird in dem Jahresbericht "eine Unterstützung der deutschen Leistungen und Opfer durch eine angemessene Investitionshilfe von draußen gewünscht (oder gefordert). Zahlen werden hierzu freilich nicht genannt. – Auf der anderen Seite wird die "positive Reaktion des Auslands auf die erklärte Zahlungsbereitschaft der öffentlichen wie auch zahlloser privater Auslandsschuldner" dankbar anerkannt, und es wird darauf verwiesen, daß neben dem mittelfristigen Baumwollkredit (der Ex- und Importbank, über 50 Mill $) nun endlich auch das ("im Grunde noch wichtigere") Remboursgeschäft in Gang gekommen sei.

Besonderes Interesse beansprucht natürlich jener Teil des Berichts, der den künftigen Investitionsbedarf und seine Finanzierung behandelt. Leider bleibt hier alles, sehr im Gegensatz zum Rückblick auf 1951 – der immerhin recht präzise und schlüssige Formulierungen enthält wenn er sich urteilsmäßig auch in den herkömmlichen Bahnen bewegt – merkwürdig verwaschen: ohne rechte Farbe, ohne klare Kontur. Eine Bedarfsschätzung wird nicht gegeben, und über die Größenordnung, in der sich die wirklich entscheidenden Posten der Aufbringungsseite – nämlich Beträge aus der Selbstfinanzierung, "abgezweigte" Steuergelder, Kapitalmarktmittel, Bank- und private Direktkredite – etwa halten könnten, hat man sich offenbar keine rechten Vorstellungen gemacht. Von "Haushaltsmitteln" ("und Bankkrediten") ist zwar in einer Überschrift, nicht aber in dem betreffenden Abschnitt die Rede. Daß der ("organisierte") Kapitalmarkt auch anderwärts nur – eine "Rolle am Rande" spielt, daß beispielsweise in den USA, nicht anders wie bei uns, der Löwenanteil der Investitionen (mit 70 v. H.) über die Selbstfinanzierung aufkommt: das ist offenbar im Hause Gutleutstraße 40 noch nicht zur Kenntnis genommen worden. Da man aber für die Zukunft nur den Übergang zu einem "marktgerechteren" Zins erhofft (anstatt zum marktgerechten schlechthin!), erwartet man auch nicht viel von der Ergiebigkeit des (ja erst noch zu schaffenden) Kapitalmarktes.

Dafür ist sehr viel die Rede von der "mangelnden Spartätigkeit" und der "vielfach übersteigerten Nachfrage nach entbehrlichen (!) Gütern durch das Publikum und (!) die Wirtschaft". Dem "breiten Publikum" wird "eine heute mehr denn je auf die materielle Seite des Lebens gerichtete Einstellung" zum Vorwurf gemacht; zu dieser Haltung, so heißt es weiter, habe das meist falsch verstandene Schlagwort vom "gehobenen Lebensstandard" wesentlich beigetragen ... Da haben wir also endlich die echte puritanische Wirtschafts-, Finanz- und Kreditpolitik! Manche Formulierungen sind so verstiegen, daß der Leser vergeblich fragt, was der Bericht eigentlich meint. Da heißt es etwa: "angesichts der weitgehenden Inanspruchnahme der ... Finanzierungsquellen für Zwecke, die nur zum Teil echten volkswirtschaftlichen Bedürfnissen dienen, sind gerade die in den Einkommen liegenden Reserven für die Gesundung und den weiteren Aufbau der Wirtschaft schlechthin entscheidend." – Das mag schon stimmen: aber welche mögen diese teilweise "unechten" volkswirtschaftlichen Bedürfnissen dienenden Zwecke wohl sein? Das bleibt genau so rätselhaft, wie das Wort von der "wirtschaftsfremden Phase", in die wir aller Voraussicht nach nun eintreten werden ... Für die herkömmliche nationalökonomische Auffassung ist es nicht minder verblüffend, daß der Bericht, für den Fall einer Lösung der weltpolitischen Spannungen (ohne gleichzeitige Rückführung der/ nach Kriegsende unter sowjetischen Einfluß gekommenen Märkte in die Weltwirtschaft) eine "zwangsläufige Verschärfung des Konkurrenzkampfes auf den verbliebenen Märkten" prognostiziert, und daraus "ein beachtliches Absinken des allgemeinen Lebensstandards" befürchtet. Diese allgemeinen tische Angst vor der billigen Ware geht denn doch wohl zu weit...

Nun ließe sich ja gegen das hobby, politischökonomische Prognosen auf lange Sicht geben zu wollen, kaum etwas sagen – wenn nur die kurzfristigen Prognosen fundierter und präziser wären! Daran aber fehlt es arg. Schon "in sich" ist der Bericht nicht widerspruchsfrei, insbesondere da, wo er sich über die zu erwartenden ökonomischen Auswirkungen eines etwaigen künftigen Verteidigungsbeitrags äußert. Hierzu heißt es einmal, recht optimistisch: Die Aussichten für eine weiterhin gute Beschäftigung von Industrie, Handel und Verkehr seien vorerst günstig, wegen der "Steigerung der Kaufkraft" aus den Lastenausgleichszahlungen (nanu? und die Soforthilfe: war das etwa nichts?) und dem "Zuwachs an Beschäftigten durch den ... Verteidigungsbeitrag". Daß die "Kaufkraft" nicht gesteigert, sondern nur umgelagert wird, wenn die Finanzierung (bei Lastenausgleich und Verteidigungsbeitrag) mit den (auch nach Ansicht der Kreditanstalt) allein vertretbaren soliden Methoden erfolgt, hat der Bericht da übersehen. – An anderer Stelle folgen dann recht pessimistische Äußerungen, in denen das Wort "Inflationsgefahr" öfter, als gut ist, gebraucht wird ... Kein Wunder freilich; denn über die Bestimmungsgründe einer Inflation ist man sich sehr im unklaren, wie folgendes Zitat aus dem Bericht zeigt: "Schon in der Vergangenheit haben die Anforderungen an die Leistungskraft und (!) die Produktivität der Volkswirtschaft, dieseit dem Ausbruch der Koreakrise sowohl durch die wachsende Nachfrage der Verbraucher als auch des Auslandes (!) immer stärker in Erscheinung getreten sind, im Verein mit den Preissteigerungen auf den Rohstoffmärkten den inflatorischen Momenten einen starken Auftrieb verliehen." Also "der Verbraucher" ist schuld – und nicht die Kreditausweitung! Ganz konsequent wird dann verlangt, daß "alle" durch "Verzicht auf einen Teil entbehrlicher Güter und Leistungen" (aber was ist "entbehrlich"?) ein Opfer bringen sollen: jeder einzelne und auch die Wirtschaftsunternehmungen, und die öffentliche Hand. "Die Wirtschaft" soll durch eine "auf Preissenkungen gerichtete Politik, die vom Verbraucher ausgeht", zur äußersten Preisdisziplin und zur Beschränkung "unnötiger eigener Ausgaben und Investitionen angehalten werden", heißt es dazu weiter. Hier klingt deutlich die dirigistische Note an: man möchte endlich einmal bestimmen können, was "nötige", was "unnötige" Investitionen sind. Aber von den Wirkungen der Überbesteuerung auf die Kostengestaltung und Überbesteuerung der Betriebe sagt der Bericht hier freilich nichts ... Als charakteristisch für die Begriffsverwirrung, der man in der Gutleutstraße erlegen ist, mag noch angeführt werden, daß die nach Anregungen der OEEC und MSA für die nächsten Jahre geplante 25prozentige Erhöhung der industriellen Erzeugung dort als ein "Opfer" erscheint: anstatt als eine im Vertrauen auf das eigene Leistungsvermögen durchaus berechtigte Hoffnung, den Lebensstandard durchgehends verbessern zu können.

Der Musgrave-Hansen-Report wie auch das Memorandum der "Drei Weisen" haben gezeigt, daß heute keiner der ausländischen Fachleute (und wahrscheinlich sogar auch Mr. Sonne nicht mehr) daran denkt, uns den Rat zu geben, "zur Aufbringung der erforderlichen Kapitalbeträge – (für welche Investitionszwecke auch immer!) von Kreditschöpfungsmaßnahmen Gebrauch zu machen". Und im eigenen Lande hat sich ja nun auch, nach Korea, die Erkenntnis durchgesetzt, daß Kapital nicht "durch Kreditschöpfung" oder, noch einfacher, "aus der Schattenquote" gezaubert werden kann; sogar Ferdinand Fried, alias Zimmermann, und Kollege Kreyssig in München haben das nun eingesehen. Deshalb ist es nicht recht erfindlich, weshalb eigentlich der Bericht der Kreditanstalt für Wiederaufbau nicht nur immer wieder auf diese Selbstverständlichkeit zurückkommt, sondern sich auch veranlaßt fühlt, die angeblich (auch bei soliden Finanzierungsmethoden) noch immer im Hintergrund dräuende "Inflationsgefahr" zu berufen. Das mag wohl eng mit der nicht nur orthodoxen, sondern geradezu vor-klassischen Auffassung zusammenhängen, die man dort im Hause von den Möglichkeiten der volkswirtschaftlichen Kapitalbildung hat: daß also Kapital lediglich durch "Sparen", gleich "Enthaltsamkeit beim Verbrauch", entstehen und zuwachsen könne. Eine solche antiquierte Auffassung führt freilich in die Sackgasse, wie schon die Überlegung zeigt, daß Kapitalverluste, die in jeder Volkswirtschaft eintreten, derart kaum je auszugleichen wären, wenn es nicht entsprechende Möglichkeiten gäbe, nun auch Kapital gewinne zu realisieren ... Jedenfalls sollte man sich hüten, eine so skeptische und schon fast feindselige Haltung gegenüber dem Verbrauch zu predigen, wie das der Bericht tut: "in sich" übrigens nicht ganz konsequent, wie mancher Passus zeigt, wo die "nachhaltige Sicherung des Lebensstandards" als der eigentliche Sinn alles Wirtschaftens und aller Wirtschaftspolitik durch das fadenscheinige Puritanergewand hindurchleuchtet. Erwin Topf