Paris, Ende März

Das Stück, von dem in Paris am meisten gesprochen wird, das jeder gesehen haben will, auf das in anzüglichen „echos“ täglich angespielt wird in dieser an Zwischenfällen, Skandalen, Pressefehden, Protesten und Interventionen reichlich bewegten Spielzeit, ist Marcel Aymés „La Tete des Autres“ (Der Kopf der Anderen).

Um es vorwegzunehmen: geköpft wird keiner. Es wird wohl einer zum Geköpftwerden verurteilt. Aber der ist unschuldig; er ist der einzig gesunde Normalmensch. Dafür werden moralisch geköpft die Staatsanwälte als die markantesten Vertreter der Justiz des phantastischen Landes Podolien mit seiner Kulturblüte bunter Teppiche, herrlicher Fayencen und leichter Frauen, seinem Wohlleben in Lust und Freuden unter Zuständen, die durch eine alles korrumpierende Besatzung nur zu erklären, aber nicht zu entschuldigen sind.

Marcel Aymé ist nicht gut zu sprechen auf den Justizbetrieb unserer Nachkriegszeit. Seit Jahren sagt er es. Der Autor wird diesen Monat Fünfzig. Wie viele schüchterne Naturen beweist er unerschütterlichen Mut und ist ein unentwegter Kämpfer gegen Unrecht jeder Art. „Der einzige Grund zum Schreiben ist, daß man etwas zusagen hat; die Konsequenzen sind Nebensache“, erklärte er, als er für die erste Nummer des unter der deutschen Besatzung erscheinenden „Aujourd’ hui“ einen heftigen Artikel gegen nationalistischen Rassenwahn abgab. Die Zensur strich den ganzen Artikel. Er schrieb aber auch poesieerfüllte Kinderbücher. Verhältnismäßig spät kam er zum Theater. Er bereicherte es bis jetzt mit vier ausgezeichneten, aber sehr bissigen Komödien voll Witz und Geist, echtem Humor, scharfer Sozialkritik, theaterwirksamen Situationen mit glänzender Dialogführung.

In „La Tête des Autres“ wob Marcel Aymé die Fäden bewußt mit groben Händen. Er gefällt sich in Übertreibungen, in Überzeichnungen, er empört, insultiert und amüsiert. Aber die Pointen sitzen. Die „magistrature debout“, die Herren Staatsanwälte, nimmt er aufs Korn. Einen kühnen Kriminalfall hat er sich dazu ausgedacht.

Staatsanwalt Maillard, Familienvater, am Anfang einer hoffnungsvollen Karriere, kommt vom Schlußplaidoyer eines Mordprozesses nach Haus. Seiner überlegenen Suada ist es gelungen, die Geschworenen von der nicht einwandfrei erwiesenen Schuld des Angeklagten zu überzeugen. Er erhält seinen Kopf. Seinen dritten, nicht gerechnet die vier, die er in den Kriegswirren erschießen ließ. Alles schwelgt in Wonne. Die Karriere ist gesichert. Aber auf höchst abenteuerliche Weise entkommt der Verurteilte auf dem Rücktransport ins Gefängnis. Durch eine Kette von Zufällen flüchtet er gerade ins Haus seines Staatsanwaltes, überrascht ihn im Tête-à-tête mit einem blonden Vamp, der Frau seines Kollegen, und zufällig erkennt er in dem Vamp eine flüchtige Straßenbekanntschaft wieder, die ihm in einem kleinen Hotel ihre Gunst schenkte, zufällig gerade in der entscheidenden Stunde, die sein Alibi ausmacht. Dem Rausch sieghafter Wonne bei Staatsanwalts folgt peinlichste Ernüchterung.

Das ist so lebendig, so sprudelnd, so lustig, so witzig, daß die unglaublichsten Voraussetzungen wie selbstverständlich wirken. Ungeahnte Überraschungen und Enthüllungen, an die keiner glauben will, ergeben groteskkomische Situationen mit Mißverständnissen, Auseinandersetzungen, Handgreiflichkeiten, ja Mordversuchen, die sich in atemloser Schnelle überstürzen, um den unerhörten Skandal zu vertuschen. In diesem Wirbel fällt der Name des wirklichen Mörders. Aber über ihn hält der geheime Lenker der Staatsgeschicke Podoliens, der Geldgeber und Verteiler hoher Ämter und Würden, seine schützende Hand, der Obergangster und Schieber „Alessandrovici“.