Hans Hildebrandt: Oskar Schlemmer. (Prestel-Verlag, München 1952. 72 S., 123 Taf. Leinen 30,– DM.)

Der Streit um Rang und Geltung der modernen Kunst ist müßig, solange nicht gewußt und gezeigt wird, was war, was ist. Dazu braucht es ergriffene und wissende Menschen, keine Leute der schnellen Aperçus.

Da ist jetzt wieder eines dieser notwendigen Bücher erschienen, Hans Hildebrandts lang erwartete Monographie über den Maler Oskar Schlemmer. Ein Buch, das sich innerlich und äußerlich prachtvoll vorstellt, ausgezeichnet in seiner typographischen Gestaltung, einfallsreich, aber würdig, modern, doch ohne Mätzchen. Und durchs Ganze wirkt die Strenge dieses konstruktiven Geistes, der Schlemmer war – einer von jenen Unbedingten, die aus den heraufwachsenden Forderungen der Geschichte den sie angehenden Auftrag auf sich nahmen und dafür auch bereit sind, Liebes und Vertrautes hinter sich zu lassen, denn "es gibt eine Treue gegenüber der Natur, deren bildnerisches Ergebnis ‚natürlicherweise‘ abstrakt ist, indem es ein Auszug ist und ein Bemühen, dem tatsächlichen Eindruck, freilich dem mit dem inneren Auge erschauten, gerecht zu werden". Schlemmer war ein einfach-strenger Geist, kein ins Verschlossenste Voranfühlender, kein Visionär, wie die Bauhauskameraden Klee und Kandinsky. Das Problem des Raumes, und zwar des menschlich geschaffenen ‚Kunstraumes‘, das Cézanne, Seurat und die Kubisten herangeführt hatten, das packte ihn in seiner ganzen Menschlichkeit, bis in sein Körperliches hinein. So kam er zum Tanz und verwirklichte sein Raumgefühl in seinen revolutionären Balletten. Denn er wußte, daß der Tanz sich nicht in Gestik und Mimik, Schwung und Sprung ausdrucksmäßig erschöpft, sondern daß die Bewegungsarabesken und die Haltefiguren der Tänzer dem gestaltlosen Bühnenraum ein menschliches Spannungsverhältnis einschreiben, das in der entwickelten Raumgestaltung zu voller Sichtbarkeit und Mitteilbarkeit gelangt. Von diesem Grundthema ausgehend wirkte er durch Bühnenbild und Inszenierung tief auf die moderne Optik des Theaters. Von hier aus auch stellte sich ihm, der ja immer und zuerst ein Maler war, sein klassisches Thema ‚Figur im Raum‘ – "in abstrakten Räumen der Zukunft, der Durchsichtigkeit, der Spiegelung, der Optik die vielfältige Figurisation des Menschen", und das nun in der Dauer der Malerei, nicht in der Sekunde der Erscheinung. Alle dionysisch-tänzerische Erregbarkeit vor seiner, neuen visuellen Erfahrung mußte da abfallen, bis das Bild als ‚appollinische Gestaltung‘ kühl und gebannt dastand, kristallinisches Gebilde, in dem doch der Mensch das Maß aller Dinge blieb.

Das alles ist in diesem Buch zu sehen. Und Hildebrandt, siebzigjährig, emeritierter Ordinarius und Altmeister der kunstgeschichtlichen Disziplin und immer noch begeisterungsfähig wie nur einer, baut Leben und Denken dieses bedeutenden Bildners, dem er in jahrzehntelanger Freundschaft verbunden war, klar vor uns auf. Ein umfänglicher Text, von dem man nicht weiß, was man mehr bewundern soll, die Fülle des dargebotenen Materials oder die prachtvolle Askese, mit der er hart am Thema bleibt und jede intelligente Konstruktion in die geschichtliche Umwelt hinein vermeidet. Der Leser merkt’s schon selbst, daß in Schlemmers Werk die durch Cézanne, Braque und Juan Gras heraufgeführten. bildnerischen Ideen dem großen humanistischen Thema des Figurenbildes einverwandelt werden und daß hier wieder einer ist, der sich in der Reihe der großen Konstrukteure – von Piero della Francesca über Poussin bis zu Seurat – hält, aber auch die geheime mystische Romantik, die unter dem Werk des Hans von Marées liegt, nicht vergaß. Ein Menschenmaler voll von Figur und Humanismus! Werner Haftmann