Das Haus lag im südwestlichen Mecklenburg. Es stieß mit dem Nordgiebel an einen Sehr schönen Wald, nach Süden zu gab es einen großen Fischteich mit einem Wasserfall, dahinter hügeliges Gelände, und vor dem Hause begannen Wiesen, die sich bis zu einem See hin erstrecken. An seinem jenseitigen Ufer sah man die ersten Häuser der Stadt.

So war es bis zum Frühjahr 1945 gewesen. An der Art des Hauses und an der ebenmäßigen Schönheit ringsherum änderte sich auch vorläufig noch nichts; aber der Wald, der bis dahin sein eigenes Leben gehabt hatte, gehörte nun der „Division Feldherrnhalle“, und auf und ab in den Hügeln wirkten andere Soldaten, die sich truppweise, jedoch ziemlich verloren in den jungen Anpflanzungen bewegten, armdicke Bäume schlugen und dann liefen ließen, weil sie wohl nicht wußten, was sie in eher solchen Zeit sonst nach tun sollten. Darauf war „Feldherrnhalle“ an einem Morgen verschwunden; wie man hörte: um sich nach Holstein zum Engländer abzusetzen, und auch die andern, die sich in ihrer Verlegenheit mit forstlichen Veränderungen beschäftigt hatten, wurden nicht mehr gesehen. Wie man ebenfalls hörte, sollten sie in den Hügeln noch ein paar Geschützstände angelegt haben, im von dort aus russische Panzer abzuschießen, die vielleicht auf der drüben verlaufenden Chausse anrücken würden. Das waren also schön jene Tage, da man nicht wußte, ob die Amerikaner bleiben wirden, von deren Autos auf allen Straßen jedermann zu erzählen wußte, oder ob die Russen da waren. Wie sich dann auswies, waren sie schon da, und sicherlich würden sie sich nun zwei oder drei Wochen ausruhen wollen, um darauf wieder in ihre Heimat zu ziehen; dann gib es endlich Abschied von Krieg und Kriegsende. Plötzlich erschien alles, was bisher an der Lage des Hauses so schön gewesen war, als gefährlich die Angelegenheit der Gegend, der Fischteich mit seinem Wasserfall, vor allem der angrenzende Wald. Trotzdem trug sich dann aber jene unerwartete und für die Bewohner des Hausse unvergeßliche Geschichte zu, die nicht nur wahr, sondern auch menschlich gut ist, als Erinnerung an eine Zeit, in der es eigentlich nur böse Geschichten gab.

Den Wald bezog eine russische Felddivision. Sie kam am Abend, und aus allen Büschen lugten Gesichter zum Hause hinüber. Weiter rührte sich. aber, nichts, auch die zu den Gesichtern gehörenden Maschinenpistolen nicht.

Am nächsten Morgen wurde die große Eingangstür des Hauses aufgestoßen, auf der Dide hörte man kräftige Schritte, und die Kinder der beiden Flüchtlingsfrauen aus Danzig, die mit ihren Müttern und den Töchtern vom Hause in Webzimmer waren, fingen an zu weinen. Der Eigentümer des Hauses öffnete die Tür seines Arbeitszimmers, und dann stand der Soldat auch schon darin: groß, schwer, ein Beil in der Hand.

Was er sah, hatte er wohl nicht erwartet, und so überraschte es ihn: an allen Wänden hoch hinauf Bücher, in der Mitte des Zimmers ein Tisch, auf dem ebenfalls Bücher lagen, an den Wänden Bilder, sonst nichts. Das Beil war fehl am Ort.

Vielleicht war es seine Überraschung, die sich so äußerte, oder er wollte als Soldat seine Verachtung gegenüber all dem Kram zeigen: er griff in eins der nächststehenden Bücher, faßte den oberen Teil des Rückens und riß es heraus, da lag es, zu seinen Füßen. Und damit wurde die gute Geschichte zu einer merkwürdigen. Denn unversehens hatte sich der Zufall eingemengt, der dem Soldaten ein Buch in die Hand spielen, wollte, das gerade für einen solchen Zweck zurechtgerückt schien.

Man muß wissen, daß es sich um eine Broschüre handelt, die sich ja beim Fallen leichter auseinanderlegt als ein gebundenes Buch. Der Zufall befahl ihr nun, so zu tun, und daß sie dafür das Blatt wählte, das sich ungefähr in der Mitte des Buches befand, war schon beinahe selbstverständlich; bei dieser Stelle hatten die Besucher wohl am häufigsten verweilt und die Seite mit der Hand zurechtgedrückt, weil es sich um ein sehr ausdrucksvolles Bild handelte: die