IV. Beobachtungen und Erfahrungen in Indonesien

Von Hjalmar Schacht

Das Gutachten Dr. Hjalmar Schachts für die indonesische Regierung schließt mit grundsätzlichen – Untersuchungen über die Währungspolitik. – Welchen Einfluß die Schachtschen Ratschläge auf den Staatsaufbau Indonesiens haben werden, ist noch nicht abzusehen. Uns interessiert zu wissen, daß Indonesien ein Land voller Zukunftsmöglichkeiten ist, vorausgesetzt, daß es sich der Zusammenarbeit mit der westlichen Welt nicht verschließt.

Eine Währung wird bedroht von außen durch eine defizitäre Zahlungsbilanz mit dem Auslande, von innen durch eine übermäßige Inanspruchnahme der Notenbank für budgetäre Zwecke. Für die Aus landszahlungsbilanz ist neben den Ein- und Ausfuhrsalden wesentlich die Anleihen und Kreditverschuldung sowie die sogenannten „unsichtbaren“ Zahlungsverpflichtungen wie Versicherungsprämien, Transportkosten, Gehalts- und Pensionszahlungen im Ausland. Art sich ist die Anleihe- und Kreditverschuldung Indonesiens nicht hoch. Sie wirkt indessen belastender als bei anderen Ländern, weil sie mit einer durch die politischen Ereignisse herbeigeführten Produktionsstörung ernsten Ausmaßen zusammengetroffen ist.

Psychologisch erschwerend kommt hinzu, daß die dem jungen Staat auferlegte Auslandsanleihe-Verpflichtung auf keinem sehr starken moralischen Grunde fußt. Ein Volk, das durch Jahrhunderte seinen Ertragsüberschuß aus der Arbeit und Bodennutzung an Fremde abgegeben hat, versteht es nicht, warum es zum Schluß noch mit einigen Milliarden Schulden an diese Fremden belastet wird. Es versteht auch nicht recht, warum es Ruhegehälter zahlen muß für Beamte, die in erster Linie, wenn nicht gar ausschließlich, für eine fremde und nicht für eine indonesische Regierung gearbeitet haben. Vom unbeteiligten Standpunkt aus gesehen verdient die holländische Kolonialarbeit die höchste Anerkennung. Diese Anerkennung würde auch von beteiligter indonesischer Seite mehr zum Ausdruck kommen und würde einer künftigen Zusammenarbeit sehr förderlich sein, wenn auf holländischer Seite eine Erleichterung der finanziellen Verpflichtungen Indonesiens als freundschaftliche Geste zugestanden würde.

Die Außenhandelsbilanz Indonesiens beruht auf Grundlagen, die durchaus günstig sind. Die gesamte Ausfuhr besteht in Rohprodukten, die von der ganzen industriellen Welt gesucht werden. Ihre Vielfalt ist so groß, daß ein Teil von ihnen immer einen guten Markt finden wird, wenn andere Teile infolge von Konjunkturkrisen schlechter liegen. Gefahren, wie sie die Industriestaaten bedrohen, können daher für Indonesien nicht eintreten. – Als Deutschland nach der Weltwirtschaftskrise vom Herbst 1929 seine Industriewaren nicht mehr absetzen konnte, war durch den Mangel an Rohstoffen und Nahrungmitteln das Leben seiner Bevölkerung in tödlicher Gefahr. Indonesien wird in ähnlichen Situationen möglicherweise vor einer Verringerung seines Auslandsabsatzes und vor einer Einschränkung seines Industriewaren-Importes stehen, aber es wird nie in Hungersgefahr geraten. Es wird unbesorgt die Konjunkturbesserung abwarten können. Die Beurteilung der Konjunkturschwankungen auf dem Weltmarkt wird die Regierung, abgesehen von den Produkten, die sie selber erzeugt, im wesentlichen den Pflanzern überlassen können. Anders liegen die Dinge beim Import. Hier ist eine Regierungskontrolle unerläßlich. Um das Gleichgewicht in der Zahlungsbilanz zu erhalten, darf der Import nicht höher sein, als die zur Verfügung stehenden Exporterlöse (Devisen) es erlauben. Würde man den Import freilassen, so bestünde die Gefahr, daß die Importeure, wenn sie keine Devisen bekommen können, mit Rupiahs zu zahlen versuchen, die dann einem Disagio unterliegen und die Stabilität der Währung beseitigen.

Zur Überwachung des Gleichgewichtes der Zahlungsbilanz ist eine Devisenkontrolle notwendig. Sie ist bisher durch das sogenannte Lizenzsystem ausgeübt worden, unter welchem für jedes einzelne Geschäft die Zustimmung des zuständigen Beamten eingeholt werden muß. Ein unerwünschtes System! Der Importeur muß von der Einzelgenehmigung befreit werden. Er muß sich wenigstens innerhalb eines gewissen Rahmens frei bewegen können. Es scheint mir deshalb richtig, die Importwaren nach ihrer Dringlichkeit für den heimischen Bedarf in eine Reihe von Gruppen einzuteilen. Je nach dem Stande der bei der Devisenkontrolle verfügbaren Devisen wird dann der Import für die einzelnen Gruppen freigegeben, zuerst für die dringlichsten und danach jeweils für die weniger dringlichen Gruppen. Die Devisenkontrolle überwacht ständig, ob und wieweit eine Freigabe der einzelnen Gruppen erfolgen kann. Bei diesen Devisendispositionen muß die Devisenkontrolle selbstverständlich auch die Verpflichtungen aus den „unsichtbaren“ Abgaben mit berücksichtigen. Unberührt bleibt die Möglichkeit der Regierung, in besonderen Fällen einzelne Lieferungen aus jeder Gruppe zu genehmigen, also etwa für soziale, politische oder handelspolitische Verwendung. Die Dauer der Sperre oder Freigabe der einzelnen Importgruppen wird jeweils von der Devisenkontrolle festgesetzt. Die Wahrnehmung der Devisenkontrolle sollte einem Ministerrat übertragen werden, die aus dem Finanzminister, dem Wirtschaftsminister und dem Gouverneur der Währungsbank besteht.