Es gehört heute zu den Gemeinplätzen, zu sagen, daß die deutsche Literatur "provinziell" sei im Vergleich zu der der großen westlichen Nationen. Man sucht die Gründe im Sprachlichen, im Technischen, in der Problematik, in allem Möglichen und Unmöglichen — nur gerade nicht in dem, was wirklich einstweilen unüberwindlich ist: in dem Mangel an Welterfahrung und an Weltkenntnis. Alle Schauplätze jenseits der Bundesgrenzen muß der deutsche Romancier "aus der Tiefe des Gemüts schöpfen", wie es in der Tucholkyschen Anekdote von der Beschreibung des Kamels heißt.

Die viel größere Spannweite etwa des englischen Romans hat nicht nur mit der ungebrocheneren Tradition und den geringen Kriegsverlusten unter den Autoren, auch nicht nur mit europäischen Kulturen gekommen, und selbst dort, wo sie sich auf Milieus der britischen Inseln beschränken, sind die Personen, von denen sie erzählen, vielgereiste Leute.

Der weitere geographische Horizont bedingt auch einen weiteren geistigen Horizont. Kein englischer Erzähler von heute wird meinen, daß englische Sorgen der Nabel der Welt wären, und daß die gegenwärtige Generation vor grundsätzlich anderen Problemen stände als die vorige und die vorvorige. Die räumliche Weite des Blickpunkts und die Kontinuität der Themen bedingen einander.

Ein halbes Dutzend beliebig herausgegriffener Neuerscheinungen englischer Werke auf dem deutschen Buchmarkt läßt das augenfällig werin Indien, wo die halbwüchsige Teresa am Rande des Dschungels unter Eingeborenen die Erfüllung einer Vision findet, die ihr in England vorschwebte. Es ist viel Selbstbiographisches in die sem starken Buch, und das Exotische wird ganz ohne Bombast zur selbstverständlichen Umwelt. Ein englischer Bodenmechaniker am Persischen Golf ist der Held in Nevil Shutes jüngstem Werk O. Boxer, Steinberg Verlag, Zürich, 456 S ). Auch dieser kräftige Erzähler bewegt sich in dem für uns so fernen Raum ganz zwanglos und ohne Anstrengung, wie man sich in vertrauter Atmosphäre bewegt. Seine Hauptfigur kann unter den Arabern und Persern den legendären Ruf eines Propheten genießen, weil eben die Berührungsflächen zwischen England und dem Orient auch heute noch bestehen.

lehrten- und Theologenfamilie, ist sein Leben lang auf Reisen gewesen, war in Italien so gut zu Hause wie in Indien und lebt jetzt in Holiy