Yoga ist die lehr- und lernbare Methode, Subjekt und Objekt des Bewußtseins, also den Seher und das Gesehene, zu vereinigen. Vor rund zwei Jahrzehnten stellte der Engländer Aleister Crowley als souveräner europäischer Yoga-Empiriker in seinen „Acht Lektionen über Yoga“ diese Praxis ohne Rücksicht auf mythologisches, traditionelles und abergläubisches Beiwerk dar. Er führte dabei eine für Wundersüchtige geradezu aufreizend abendländische Sprache und leistete sich zudem den Witz, gerade deshalb hier das ironische Pseudonym „Mahatma Guru Sri Paramahansa Shivaji“ zu wählen. Wählt hingegen Mukunda Lal Gosh, Sohn eines indischen Eisenbahnbeamten und gegenwärtig Chef eines schwungvollen Unternehmens für „Selbstverwirk-Hebung“ in den USA, die hohen und heiligen Titel „Paramahansa Yogananda als Verfassernamen für sein internationales Erfolgsbuch „Autobiographie eines Yogi“ (Otto Wilhelm Barth Verlag, München-Planegg), so geschieht das keineswegs mit Ironie. Eines der in dem Buch reproduzierten Fotos zeigt den Verfasser in einer für ihn und sein Wirken charakteristischen Aufmachung. Der Turban, die Toga und der orientalische Schal legitimieren den Weisen aus dem Osten, jedoch die zwei Beine, mit denen er auf realem amerikanischem Boden steht, stecken in Hosen mit tadellosen Bügelfalten und enden in Boxcalfschuhen. Wo der „auf jeden seiner amerikanischen Schüler blickende“ Selbstverwirklichungs-Organisator bestrebt ist, das knallig Okkulte seiner Legenden und Berichte mit den Mitteln abendländischer Wissenschaft zu durchleuchten, kommen Orgien der Halbbildung zustande.

Ist die „Autobiographie eines Yogi“ auch hinsichtlich der Ausstattung ein Buch mit stolzem Selbstbewußtsein, so wirkt das kleine Meisterwerk „Östliche Weisheit und westliche Psychotherapie von Gustav Schmaltz (Hippokrates-Verlag, Stuttgart) unangebracht bescheiden: unangebracht, weil die Aufmachung und der Titel eine Fachschrift für Ärzte und behandelnde Psychologen vermuten lassen, während in Wahrheit ein Lebensbuch vorliegt. Der erste Teil des Buches orientiert – „orientieren“ bedeutet: nach Osten hin ausrichten – denjenigen, der Integration und Initiation sucht. Integration, ein in der Medizin und Psychologie unentbehrlicher Fachausdruck, ist nur durch Umschreibungen übersetzbar: Ganzwerdung, Einung des Wesens mit den Tendenzen, die ihm sein inneres Werdeziel auferlegt, Genesung zur unaustauschbaren Urgestalt hin, die das verborgene Insiegel der Gottesebenbildlichkeit jeglicher Individualität ist. Wir können im Abendland über das Wesen der Integration und über den Weg, sie zu verwirklichen, nur noch philosophierend sprechen, während Asien nach wie vor Erwirker der Integration hat – Gurus, Meister, Realisten der Individual-Metaphysik –, deren Wort die verborgene oder verschüttete Integrationszentrale im Schüler aktiv macht. Initiation, zumeist mit „Einweihung“ verdeutscht, ist das Wach- und Brauchbarwerden des Menschen für „die Dinge aus erster Hand“, ist sein Wahrnehmen- und Wirkenkönnen im „Reich der Ursachen“. Als Abendländer sitzen wir, wo es um die Praxis der Integration und Initiation geht, zu Füßen Asiens –: aber wir haben eine andere Vorschule durchgemacht als der asiatische Mensch, drei Jahrtausende der Erziehung durch die Weltgeschichte sind eine Vorbereitung auf andere Ziele als auf die seinigen. Die Krankheit des Abendlandes (und des Abendländers) wird beim Prozeß der Genesung nicht das aus uns machen, was die Optimalform des erleuchteten Asiaten darlebt, sondem uns jenes Darüberhinaus verleihen, um dessentwillen – von unserem Unbewußten und vom Oberbewußtsein der uns zugewandten Götter, her – die Abirrung geschah, die Loslösung aus dem Nirwanischen mit dem einstweiligen Ergebnis des Neurotischen. Schmaltznennt die erste Hälfte seines Buches, wiederum unangebracht bescheiden, „Einführung“. Nimmt man dieses blaß gewordene Wort aber in seiner tiefsten Bedeutung ernst, so hält der Verfasser damit ein Versprechen, welches er seinem Leser in derart magisch-verbindlicher Weise gar nicht geben wollte: er führt ihn real ins Geschehen der Integration und Initiation hinein, er gibt ihm keine Lektüre, sondern ein Schicksal. Der zweite Teil vollendet, was der Verfasser nicht nur erstrebte, sondern auch erlangte: die Verwirklichung östlicher Weisheit als abendländische Psychotherapie und mithin als Heilweg, der der Seele da am eindrucksvollsten zugute kommt, wo sie Leib und Leben Zeugnis geben läßt.

HerbertFritsche