Von Walter Abendroth

H. H. Stuckenschmidt: „Neue Musik“, zweiter Band der Folge „Zwischen den Kriegen“ (Suhrkamp-Verlag, Frankfurt, a. M., 482 S., 22,– DM).

Das bedeutende Unternehmen einer umfassenden Darstellung des großen Stilwandels, der sich – schon vorher angebahnt und heute noch nicht abgeschlossen – in dem durch den Titel bezeichneten Zeitraum auf allen Gebieten des geistigen Lebens durchzusetzen begonnen hat, ist bis zum zweiten Bande gediehen. Über den vielschichtigen Komplex „Neue Musik“ legt bereits eine ziemlich reichhaltige Literatur in allen Sprachen vor. Nirgends aber fand sich bisher eine derart erschöpfende, eine so gründlich durchdachte und so glänzend geschriebene Überschau über die bestimmenden Entwicklungsvorgänge, wie sie der bekannte Berliner Kritiker und Professor der Musikwissenschaft H. E. Stuckenschmidt hier vorlegt. Er brauchte dabei nicht eklektisch zu verfahren, sondern konnte aus der Fülle eigener Gedanken und eigener Materialkenntnis mit leichter Hand herausgreifen, was er brauchte. Denn er hat die ganze Historie der musikalischen Moderne miterlebt, nicht nur als objektiver Beobachter, sondern als subjektiv leidenschaftlich interessierter theoretischer Mitkämpfer. Es gereicht ihm zur Ehre, daß er dabei – aufs Ganze gesehen – keine Scheuklappen trug und neben der „Richtung“, die ihn am meisten überzeugte, andere gelten ließ.

Warum die Vergangenheitsform? Es gehört zur Beurteilung dieses Buches, zu wissen, daß zwischen den beiden Freunden und kritischen Kampfgenossen Stuckenschmidt und Heinrich Strobel neuerdings eine Meinungsverschiedenheit ausgebrochen ist. Während Strobel am Glaubensbekenntnis Strawinskys festhält und die Zwölf-Ton-Technik nicht als einen neuen Anfang, sondern als Endphase alles Vorhergegangenen auffaßt, vertritt Stuckenschmidt die These von der Eröffnung einer gänzlich neuen Stilepoche durch jenes System, dessen wesentliche Leistungen sich an den Namen Schönberg knüpfen. Und auf die Apotheose dieser Richtung zielt im Grunde das ganze Buch.

Dabei nun läuft dem Autor das bei seiner hohen Intelligenz erstaunliche Mißgeschick unter, daß er – jetzt also völlig im Banne dieser einseitigen Blickrichtung – der Auffassung Strobels das schlagendste Argument liefert. Für Stuckenschmidt ist nämlich das Zwölf-Ton-System die unumgängliche Konsequenz aus jener fortgesetzten Aufspaltung der kompositorischen Elemente, die sich – was schon oft genug erörtert wurde – bereits vom „Tristan“ her datiert. Nichts anderes behauptet Strobel – und er denkt „konsequenter“ als Stuckenschmidt, indem er den Begriff „Konsequenz“ stärker auf Vergangenheit als auf Zukunft bezogen deutet. Dieser Begriff kehrt in Stuckenschmidts Überlegungen immer wieder, und zwar mit dem Gewicht eines Beweises für absolute, wenn nicht alleinige Gültigkeit. Ist es aber überhaupt ein Begriff, der im Künstlerischen Werte setzen kann? Wollte etwa ein Maler in seinem Bilde die Idee oder den Effekt des „Rot“ darstellen (Velasquez hat das in seinem „Innozenz X“ großartig verwirklicht), so wäre es zweifellos konsequent, einfach die ganze Fläche rot anzustreichen. Ähnlich verhält es sich mit allem „Konsequenten“ in der Kunst.

Die plötzliche Einseitigkeit – sie geht so weit, daß sehr vitale und sehr interessante Erscheinungen der Neuen Musik, wie Orff und Egk, sang- und klanglos unter den Tisch, fallen – ist der einzige Fehler des Buches; freilich ein Kardinalfehler bei einem Werke, das durch seinen Titel (und den der ganzen Bücherreihe) auf wirkliche Universalität Anspruch erheben müßte. Dieser unerläßlichen Einschränkung gegenüber jedoch ist festzustellen, daß Stuckenschmidt das, was er selbst mit dem Buche wollte, auf eine durchaus imponierende Art erreicht hat. So, daß die Einseitigkeit nur eben als Tendenz erkennbar wird, während (mit den bezeichneten Ausnahmen) nahezu alle im engeren Sinne „modernen“ Musikphänomene zur Geltung kommen. Allerdings stets einer auf die Idee fixe bezogenen relativen Geltung. Auch darin ein verdammt gescheites Buch,

Stuckenschmidts „Neue Musik“ ist fortan für jeden, der irgendwie in der Auseinandersetzung um die einschlägigen Fragen steht, unentbehrlich. Als Studien- wie als Nachschlagebuch. Sein originaler Text wird aufschlußreich ergänzt durch charakteristische Auszüge aus schriftstellerischen Bekenntnissen moderner Künstler, wie Antheil, Bartók, Busoni, Cocteau, Gatti, Haba, Hauer, Jarnach, Prokofieff, Strawinsky, Schönberg, Schreker und anderer. Instruktive Notenbeispiele und Verzeichnisse vollenden den Gebrauchswert des Werkes, das in jedem Falle als bewußtes Zeitdokument seinen mit souveräner Sicherheit occupierten Platz in der musikwissenschaftlichen Literatur unserer Tage behaupten wird.