Abseits der großen Straßen liegt in der lüneburger Heide das Dorf Radbruch. Abseits vom Streit der Meinungen über Krebs, Warm- und Kaltwasserbehandlungen, Vegetarismus und Fasten, kuriert dort ein Mann namens Ast noch immer seine Patienten. Freilich ist er nur noch der Sohn des berühmten Schäfers Ast, der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts aus dem Holsteinischen mit seinem Schäferkarren nach Radbruch kam: ein blonder, beinahe schöner, aber, armer Mann; denn als er sich, nun schon Jahre in Radbruch lebend, einen Schuppen kaufen wollte, um nicht nur auf seinen Schäferkarren angewiesen zu sein, mußte er eine Hypothek aufnehmen, die er für weitere lange Jahre nicht loswurde, bis – ja bis er damit begann, Tiere zu besprechen: Kühe mit aufgetriebenen Bäuchen, Schafe, die während der Geburt der Jungtiere einzugehen drohten, Pferde, die lahmten... Bald darauf kamen die ersten menschlichen Patienten. Der Schäfer Ast schnitt ihnen ein paar Haare ab, sah die Patienten in die Augen, stellte die Diagnose. Er braute Pflanzensäfte, zuerst allein, später gemeinsam mit einem Apotheker in Winsen an der Luhe, zusammen. Er forderte nie Geld, die Patienten gaben ihm freiwillig, was sie für richtig hielten. Das begann in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts In den neunziger Jahren errichtete die Reichsbahn eine Station bei dem Flecken und legte Sonderzüge ein. „Im Jahre 1894, am 14. Januar“, so steht’s in der Radbrucher Chronik, waren es zum ersten Male über zweitausend Menschen, die den Schäfer Ast aufsuchten.“ Und in derselben Chronik heißt es: „Im Jahre 1901 wurde sein Vermögen. auf über zwei Millionen Goldmark geschätzt...“

Noch nicht fünfzig Kilometer liegt das Dorf Radbruch mit seinen vom Regen aufgeschwemmten Wegen von jenem Lüneburger Heidehof entfernt, dessen Besitzer vor kurzer Zeit angeklagt wurde, den Briefträger mit einer Mistgabel schwer verletzt zu haben, weil dieser den „bösen Blick“ habe und sein Vieh „verhexe“. Der Glaube an den bösen Blick, an Zauber und Hexerei ist dort in der Heide noch nicht ins Märchen verbannt, sondern, für viele erwachsene Menschen Realität. In einem solchen Klima gedeihen Familien, die Heilkraft in sich verspüren wie andere Menschen die Begabung zum Kaufmann oder Künstler. Die berühmteste von ihnen ist auch heute noch die Familie Ast: Nach dem Tode des Vaters übernahmen die beiden Söhne Heinrich und Otto die „Praxis“. Inzwischen ist Otto gestorben, und Heinrich fungiert allein weiter als „Schäfer Ast“; obwohl er doch niemals in seinem Leben im Schafkarren schlief, nie mehr die Schafe, hütete.

Heinrich Ast ist ein kleiner Mann; er sieht wie ein verknöcherter, mißtrauischer Inspektor aus, nicht aber wie ein Wunderdoktor. Es ist nichts Dämonisches mehr an ihm oder in seinem Sprechzimmer. Auch von dem berühmten gelben Karteikasten, den er vom Vater geerbt hat und in dem die selbsterfundenen Arzneien geordnet sind, die man heute schon in jeder Apotheke bekommen kann, geht keine magische Kraft aus. Als „Sprechstundenhilfe“ fungiert die Schwiegertochter; auch sie ist mißtrauisch und wortkarg.

Von dem Schäfer, der niemals Schafe hütete, gehen allerlei Geschichten im Dorf um. Eine erzählt; Heinrich sei als junger Mann nach Amerika gegangen und habe dort Medizin studiert. Nach seiner Rückkehr habe er sich stolz das Schild Dr. med. Heinrich Ast an die Haustür des Gutes genagelt. Aber die Patienten blieben aus. Sie wären noch länger ausgeblieben, wenn nicht der alte Apotheker aus Winsen, der schon dem Vater die Medizinen auf seine Rezepte hin herstellte, geraten hätte, schleunigst diese akademischen Würden wieder abzulegen und als Schäfer Ast weiterzubehandeln.

Wenn diese Geschichte stimmt, so hat es Heinrich Ast im Laufe der langen Jahrzehnte glänzend verstanden, seine akademische medizinische Bildung unglaubhaft werden zu lassen. Es ist nicht nur sein grammatikalisch falsches Deutsch, sondern auch die große Einfachheit seiner Gedankengänge, die den Dr. med. verdächtig macht.

„Die Heilkunst liegt in meiner Familie“, sagt er.

„Haben Sie einmal über Ihre Methode geschrieben?“ – „Ich habe keine Methode.“