Die Demission der Mäzene – Kultur-Perspektiven der Niederlande

Von Günther Steffen

Jan Greshoff, ein namhafter holländischer Lyriker der Generation des ersten Weltkrieges, die aus dem Kreis des Stefan-George-Freundes Albert Verwey hervorgegangen ist, schrieb kürzlich in einer Amsterdamer Zeitung eine Betrachtung über den Wert des Reichtums. Keine Satire, wie man meinen könnte, sondern eine durchaus ernst gemeinte Ermahnung an die Reichen, ihren Besitz doch besser zu behüten. Die Seele des Reichen sei in Gefahr. Tag und Nacht von den „Propagandisten der Armut“ bedrängt, glaube er nicht mehr an den Wert des Reichtums; er leiste zu wenig Widerstand, er schäme sich über etwas, was doch eigentlich sein Ruhm sein müsse. „Wer den Wohlstand nivelliert“, so meinte Jan Greshoff, „nivelliert, ob er will oder nicht, das geistige Leben, die Kultur in all ihren Formen.“

Daß ein Lyriker die Reichen ermuntert, ihren Besitz zu behüten, um den Niedergang der Kultur zu verhindern, ist heutzutage ein außergewöhnlicher Vorgang. Aber Jan Greshoff ist nicht der einzige unter den holländischen Lyrikern, dem die „Propagandisten der Armut“ Sorgen bereiten. J. W. F. Weremeus Buning, bekannt als Balladendichter und Cervantes-Übersetzer, bekannt aber auch als Autor eines Kochbuches für Feinschmecker, beklagte sich öffentlich darüber, daß die holländischen Hausfrauen in letzter Zeit allerlei „Rommel“ auf den Tisch brächten. Alltägliches Zeug wie „Hagelslag“ und verschiedene Sorten „Smeersel“, vor allem der zäh klebende „Pindakaas“ (das ist eine moderne Erdnußkonfitüre) hätten die wahrhaft holländischen Delikatessen, den Schinken, die gekochten Eier und die „Koekjes“ von der Frühstückstafel verdrängt.

Amusische Lektüre

Natürlich werden auch in Holland Kulturkrisen nicht ausschließlich nach den Geschmacksverirrungen der Frühstückstafel bemessen. Aber der „Pindakaas“ macht deshalb die holländischen Lyriker melancholisch, weil sie in ihm ein Symptom dafür sehen, daß die Kunstmäzene, denen Hollands kulturelles Leben so vieles verdankt, ihre Tage mehr und mehr mit der amusischen Lektüre von Regierungsdenkschriften über die Probleme der Kolonialpolitik verbringen.

Holland hat sein Geistesleben vor allem aus einer Kultur des Reichtums entwickelt. So stand der Kunstmäzen von jeher in hohem Ansehen. Denn seinem Sammlerehrgeiz, seinem bedachtsamen besitzmehrenden Kunstsinn verdanken die holländischen Museen einen großen Teil ihrer Schätze. Heute aber lebt der Großbürger nicht mehr in einer Atmosphäre ewig gesicherten Wohlstandes, die seinem Standesbewußtsein so bekömmlich gewesen war: er lebt, bedrängt von den immer respektloseren „Propagandisten der Armut“, in einem Zustand der Unsicherheit, deren Folgen die traditionellen Schützlinge seines Mäzenatentums, die Künstler, natürlich als erste zu spüren bekommen.