Von Walter Fredericia

Ob die Ehen in unserem Zeitalter der Liebesheirat glücklicher geworden sind, ist eine große Frage. Hohe Scheidungsziffern in allen modernen Staaten deuten nicht gerade darauf hin. Das ist auch gar nicht so verwunderlich. Wenn das Gefühlsmäßige immer mehr zum allein ausschlaggebenden Faktor für die Auswahl des Partners und für den Entschluß zur Ehe wird, während der Faktor der Vernunft und die Berücksichtigung der sonstigen Bedeutung der Ehe in den Hintergrund treten, dann wird jede Ehe mit dem Erlöschen oder Erlahmen des Gefühles fragwürdig. Das Gefühlsmäßige, man könnte auch sagen: das Erotische im weitesten Sinne ist weniger dauerhaft als das Vernünftige, und so liegt es nahe, es in immer neuen Ehen zu suchen. Daher können Vernunftehen leicht stabiler sein als Liebesehen, und es ist nicht unmöglich, daß die hohen Scheidungsziffern – in Deutschland ist heute jede sechste Frau geschieden – eine Folge dieses Sachverhaltes sind.

Was die Ursachen der Entwicklung zur Liebesheirat sein mögen, die allerdings stets in der Weltliteratur den Beifall vor der Vernunftehe empfing, ist schwer zu sagen. Sie ist vermutlich in sich schon ein soziologischer Prozeß. Der wachsende Lebensdurst und der naive Fortschrittsglaube der sich im Zeitalter der Industrialisierung wirtschaftlich schnell entwickelnden Gesellschaft mag dazu ebensoviel beigetragen haben wie der Verfall der elterlichen Autorität, der eine Folge des philosophischen Individualismus ist. Je mehr sich aber die Liebesehe durchsetzte, desto mehr mußte das Bedürfnis zur Scheidung auftreten, besonders wenn gleichzeitig mit fortschreitender Säkularisierung des gesamten Lebens das Glaubensfundament der Ehe immer brüchiger wurde. Es hat daher der Staat, der seit vielen Jahrzehnten die Ehescheidung immer mehr erleichtert hat, in Wirklichkeit nur diesem soziologischen Prozeß Folge geleistet, das heißt: er hat mit seiner Ehegesetzgebung und seine Richter haben mit ihren Urteilen im wesentlichen nur bestimmte Entwicklungsstadien registriert, die aus den erwähnten oder anderen Gründen eingetreten waren.

Man sieht daraus, wie eng der Zusammenhang zwischen der allgemeinen Situation der Gesellschaft und der Situation der Ehe ist; ja, man muß daraus folgern, daß die Ehe – dieses Band, das die Familie zusammenhält – von der allerhöchsten Bedeutung für die Gesellschaft ist. Das Verhältnis zwischen Mann und Frau – man kann ebensogut sagen: die Stellung der Frau – ist ein Strukturelement der Gesellschaft, ist für die Gesellschaft, in der wir leben, wahrscheinlich viel wichtiger als die überall im Kampf liegenden Weltanschauungen. Daher sollte jede Regierung, die sich anschickt, Gesetze über die Frau zu machen, sich darüber klar sein, daß sie an der Gesellschaftsordnung selbst experimentiert.

Die bürgerliche Gesellschaft müßte sich schon den Optimismus der Jahrhundertwende bewahrt haben, wollte sie nicht bemerken, daß sie als Ganzes in einen Abbauprozeß geraten ist. Die Prinzipien des Eigentums und der Freizügigkeit des einzelnen, die für diese Ordnung grundlegend sind, unterliegen auch in der demokratischen westlichen Welt einer ständigen Bedeutungsminderung. während das Ansehen und der Tatendrang des Staates schnell und ununterbrochen steigen. Niemand weiß, wohin auf die Dauer dieser langwierige Prozeß der Umformung führen wird. Jedoch wird das Tempo dieser Entwicklung von den Entschlüssen der Regierungen und Parlamente abhängig sein. Und an einem der Angelpunkte der Entwicklung stehen die Regierungen, wenn sie über die Stellung der Frau entscheiden.

Das gilt nicht nur von Änderungen des Familienrechts im juristischen Sinne. Da die Frau der Kern der Familie ist, so hat in einem höheren Sinne jede Frauengesetzgebung auf die Familie Bezug. Zum Beispiel hat die Arbeitspflicht für Frauen, wie sie in kommunistischen Ländern besteht, auf den Zustand der Familie eine vier größere Wirkung als eine noch so weit gehende Scheidungsreform. Die Art von voller Gleichberechtigung, die die Frau in der Sowjetunion „genießt“ und die ihr vor allem das „Recht“ erteilt, ebenso wie der Mann Zwangsarbeit zu leisten, kommt der Aufhebung der Ehe nahe und zerstört die Familie als Institution, selbst wenn gleichzeitig die im Rußland der zwanziger Jahre zu einer Formalität der Registrierung herabgesunkene Ehescheidung heute wieder erschwert wird. Die Aushöhlung der Familie, der Obergang zum Kantinenleben, die Auslieferung der Kinder an die staatliche Erziehung – das alles gehört freilich zur kommunistischen Weltanschauung. Durch solche Theorien und Praktiken wird der kommunistische Staat – wenn es ihm gelingen sollte, genügende Geburtenziffern aufrechtzuhalten – gefestigt. Würden indessen wir im Westen diesen Tendenzen die, Türe öffnen, dann ließe sich das Ende des freiheitlichen demokratischen Staates bereits jetzt absehen.

Es ist keine Frage, daß die Vorschrift des Grundgesetzes, nach der der Bundestag bis zum 31. März 1953 die Gleichberechtigung der Frau durch Reform des bürgerlichen Gesetzbuches durchzuführen hat, der gesellschaftlichen Entwicklung Rechnung tragen, nicht aber eine Revolution einleiten wollte. Die Reform muß daher der bisherigen Entwicklung entsprechen, und sie muß im Einklang mit den übrigen Zielen des Grundgesetzes bleiben, das ebenso den Schutz der Familie wie das Bestehen der freiheitlichen demokratischen Ordnung zu sichern sucht. Da aber die Frau der Kern der Familie, ja eigentlich identisch mit der Familie ist, so sollte die Reform nicht auf eine formale, sondern auf eine organische Gleichberechtigung hinzielen. Das heißt, sie sollte die Gleichberechtigung der Frau überall dort herzustellen suchen, wo diese benachteiligt ist, nicht aber ihr Rechte nehmen, die sie besitzt und benötigt, weil sie doch nun einmal die körperlich und wirtschaftlich Schwächere in der Auseinandersetzung mit dem Manne ist. Die neue Gesetzgebung müßte alles vermeiden, was die Frau ihrem eigentlichen Beruf, nämlich dem Wirken in der Familie, entfremdet. Sie darf insbesondere die Sicherheit der Ehe, auch die damit verbundene materielle Sicherheit, nicht antasten, die für die Frau viel wichtiger ist als für den Mann, Gewiß, die Frau soll gleichberechtigt sein im Beruf, aber die Ehe muß konkurrenzfähig mit dem Frauenberuf bleiben. Dies aber wird nur möglich sein, wenn die Frau mit einem hohen Grad von Sicherheit ausgestattet ist. Mit anderen Worten: es muß das Problem in allererster Linie unter dem Gesichtspunkt der sozialen Ordnung gesehen werden, die verwirklicht oder bewahrt werden soll. Denn mit jeder Schwächung der Familie geht unmerklich, aber unaufhaltsam ein Stück der Lebensordnung innerlich zugrunde, die nach außen zu verteidigen wir so große Anstrengungen machen.