Hermannsburg, Anfang April

Länder Bayern und Niedersachsen haben unlängst ein Sonn- und Feiertagsgesetz erlassen, in dem unter anderem auch die öffentliche Ausübung des Sportes für die Zeit der Gottesdienste am Vormittag verboten wird. Wie das meist heutzutage bei Verordnungen der Fall ist, erfolgte prompt ein Protest. „Schwere Schädigung des Sportbetriebes“ – so hieß es. Und schon wurde auch wieder der alte Vorwurflaut, daß die Kirche sportfeindlich sei.

Was die Schädigung des Sportbetriebes anbelangt, so kann man hierüber geteilter Ansicht sein. Warum sollte nicht auch der junge Sportler einmal in der Woche eine Stunde besinnlicher Beschaulichkeit haben, und wann könnte er sie besser finden als am Sonntag? Was Stählin vor vielen Jahren, schrieb, gilt auch heute noch: „Wir dürfen unsere Jungen nicht noch mehr als bisher der Familie entfremden, sondern müssen alles fördern, was ihr Zusammenleben mit Eltern und Geschwistern ermöglicht; wir müssen vorallem der Familie den Sonntag lassen.“ Und was die angebliche Sportfeindschaft der Kirche betrifft, nun sie hat eine andere Auffassung von den Dingen. DerKirche geht es um den ganzen Menschen. Eine Anschauung, die sich auf ihre großartige Überzeugung von der geist-leiblichen Existenz des Menschen gründet. Und wenn sich Kirchenväter und Konzile einst, wie man sagt, „sportfeindlich geäußert“ haben, so darf man nicht vergessen, daß sie dabei lediglich Stellung nahmen zu dem, was sich ihnen zu ihren Tagen als „Sport“ darstellte: es waren artistische Übungen, die sittlich so verwildert und verdorben waren, daß jeder anständige Mensch, gleich, ob Christ oder Heide, sich davon angeekelt fühlen mußte. Und dürfte man nicht eher sagen, schon das Urchristentum sei durchaus „sportfreundlich gesinnt“ gewesen? Der Apostel Paulus bezeugt es uns. Im 1. Korinther-Brief schreibt er: „Wisset ihr nicht, daß die, so in den Schranken laufen, die laufen alle, aber einer erlangt das Kleinod? Laufet nun also, daß ihr es ergreifet! Die Athleten unterwerfen sich einer sehr strengen Lebensweise, und dies um eines rasch verwelkenden Lorbeerkranzes willen: wir anderen aber um eines unvergänglichen Lorbeers willen. Was mich betrifft, so laufe ich nach besten Kräften, aber nicht blindlings; ich schlage zu, aber nicht mit Lufthieben. Ich nehme meinen Körper streng in die Zucht, um mich nicht Selbstvorwürfen auszusetzen, nachdem ich den anderen gepredigt habe.“

Die Kirche kennt sehr wohl die glücklichen Auswirkungen physischer, sittlicher und geistiger Natur „recht“ betriebener Leibesübungen;sie kann sich deshalb dem Werte des Sportes nicht verschließen, aber sie weiß auch um seine großen Gefahren und betont deshalb immer wieder die Worte: „recht“ und „richtig“. – „Denn wenn es“, sagt der „Eichenkreuz“-Katechismus für die Angehörigen des Verbandes für Leibesübungen in den evangelischen Jungmännerbünden, „in einem Volke Brauch und Unart wurde, – dem Leibe mehr zu geben an Ehre und Willen, als ihm zukommt, so hat ein solches Volk den Scheitel seiner geschichtlichen Bergwanderung schon überschritten.“ Es kommt also darauf an, daß der Mensch auch dem Sport eine sittliche Würde gibt. Nur wenn der Sport mit rechtem Ethos erfüllt ist und in rechtem Geist betrieben wird, kann er einem Volke zum Segen werden. Für das-, Volk aber sind auch die Kirchen verantwortlich. Die Kirche weiß um die größte Gefahr, die dem Volke droht: es ist die Gefahr der Vermassung, die heute auch im Sport so weithin sichtbar ist. Nicht nur jeder Politiker, jeder Wirtschaftler – jeder, der Verantwortung trägt, muß zu dieser Frage Stellung beziehen, jeder Sportler und jeder Pfarrer auch.

Um diese Verantwortung ging es bei der letzten Tagung der Evangelischen Akademie zu Hermannsburg Ende des vergangenen Monats. Die Tagung wandte sich zur Klärung der hintergründigen Fragen des Sports, dieses Phänomens des Massenzeitalters, nicht an den aktiven Sportler – erfreulicherweise aber waren dennoch einige mit dabei –, sondern an die Männer und Frauen, die die Meinung über den Sport bilden und beeinflussen: Pädagogen, Journalisten, Rundfunksprecher, Funktionäre, Dezernenten staatlicher und kommunaler wie kirchlicher Stellen, an Studenten- und Jugendpfarrer. Alle machten von dem Recht der Akademie „Hier kann jeder jedes sagen und jeder jedes fragen“ reichlich Gebrauch. Professor Dr. med. h. c. Carl Diem sprach über den Sinn des Sportes, Dr. theol. Gerhard Kunze über den Menschen im modernen Sport und Landesbischof D. Dr. Lilje über den Menschen in biblischer Sicht.

Einig war man sich darüber, daß der Sport im privaten wie im öffentlichen Leben sehr wichtige Funktionen zu erfüllen hat, immer in dem Maße, den ihm die Würde des Menschen auferlegt. Aber der Sport darf nicht Selbstzweck sein; er darf nicht, wie Papst Pius XII. es wiederholt betont hat, etwa zu einem „Kult der Materie“ entarten. „Er steht“, so führte der Papst einmal vor internationalen Sportjournalisten aus, „im Dienste des ganzen Menschen und muß daher, weit davon entfernt, die geistige und moralische Vervollkommnung des Menschen zu hemmen, diese im Gegenteil fördern, unterstützen und begünstigen.“