Von Martin Rabe

Nach Celle, der alten Residenzstadt der Herzöge aus dem Hause Braunschweig-Lüneburg, war ein Teil der Berliner Sammlungen gebracht worden, um sie vor der Zerstörung durch Bomben zu schützen. Nicht alles freilich ist heute noch vorhanden. Zwar blieb die Stadt heil, doch ging in der Besatzungszeit einiges verloren, so ein Teil des antiken Goldschmucks, der in der ersten denkwürdigen Ausstellung im Celler Schloß, im Jahre 1946, noch gezeigt werden konnte. Die Aufklärung des Diebstahls wurde von der Besatzungsmacht nur lässig betrieben, die Aktionen der deutschen Behörden von ihr geradezu verhindert. So muß man denn heute wohl den endgültigen Verlust dieser kostbaren und künstlerisch wertvollen Objekte beklagen.

Wer jene glanzvolle Ausstellung des Jahres 1946 gesehen hat, wird sich des starken Besuches erinnern, dessen sie sich erfreute. Trotz schlechter Wege und eines kümmerlichen Eisenbahnverkehrs kamen viele Reisende, zum Teil von weither, um sie zu sehen. Seitdem sind viele Ausstellungen aus Berliner Museumsbesitz in dem Celler Schloß mit der schönen Renaissance-Fassade zu sehen gewesen. Sie haben fast alle lebhaftes Interesse erregt und viele Reisende nach Celle gelockt. Auch jetzt, wenn man nach der Fahrt zunächst – wie sich dies in einer mittelalterlichen Stadt gehört – in den Ratskeller geht, sieht man auf vielen Tischen vor den Gästen den neuen Katalog liegen.

„Von Klinger bis Beckmann“ heißt die jetzige Ausstellung, und sie ist der deutschen Graphik von 1880 bis 1930 gewidmet. Einige Museen – Hannover, Hamburg, Bremen – und einige Privatleute haben einzelne Blätter dazu geliehen. So ist eine sehr schöne und charakteristische Auswahl zustande gekommen, bei der man sich nicht nur einzelner Blätter erfreuen, sondern auch die überraschende Entwicklung in der Kunst jene Zeitabschnitts vorzüglich studieren kann. Man hat Gelegenheit, Maßstäbe zu überprüfen und neue Maßstäbe zu setzen. Denn Graphik ist in ihrer Wirkung viel unbestechlicher als Malerei. Hier offenbart sich manches, das sonst durch den Reiz der Farbe gerettet wird, als Unvermögen oder gedankliche Verirrung.

Mit Recht stellt Lothar Pretzell an den Anfang seiner Einleitung zum Katalog das Wort von Kurt Glaser: „Mit Klinger beginnt die Geschichte der neuen Radierung in Deutschland.“ In der Tat, seit dem sechzehnten Jahrhundert war die deutsche Graphik völlig auf den Rang der Illustration herabgesunken. Erst Klinger hat es wieder unternommen, große graphische Zyklen zu entwerfen, wie einst Dürer in seinen Passionen. Auch hat er als erster deutscher Künstler wieder selbständige Einzelblätter, also nicht, wie damals sonst üblich, Radierungen nach berühmten Gemälden oder anderen Vorlagen geschaffen. Darin jedoch erschöpft sich für uns heute sein Verdienst, obwohl wir ihm zeichnerische Gewandtheit und vorzügliche Beherrschung der Technik sowohl der Kaltnadelradierung als auch der Aquatinta nicht absprechen können. Doch seine Kunst, für die er selbst die Bezeichnung „Griffelkunst“ erfand, ist von Grund auf verdorben dadurch, daß in ihr die literarische Erfindung stärker ist als das künstlerische Gestaltungsvermögen. Und daher kommt es, daß bei ihn, wie Pretzell es ausdrückt, süßliche Idylle, aufdringliche Symbolik oder verklungenes Pathos sich vordrängen. Er erzählt von außen her, nicht durch das Dargestellte, und so machen es auch andere seiner künstlerischen Generation, Leopold Graf Kalckreuth etwa und Hans Thoma

Gegen dieseVermengung der Kategorien in der Kunst, gegen die Tatsache also, daß die bildliche Komposition von außerkünstlerischen Faktoren bestimmt wird, erzählenden, sozialer, sentimentalen, bürgerlichen oder politisch-revolutionären, traten um die Jahrhundertwende Vertreter zweier Richtungen auf, des Jugendstils und des späten Impressionismus. Der Jugendstil übertrug Wagners Idee vom Gesamtkunstwerk auf das „gesamte“ Leben. Er erlaubte seinen Anhängern nichts, was nicht künstlerisch nach einheitlichen Stilbegriffen geformt war, vom Bettvorleger über Kleidung, Möbel, Geschirr, Buchumschlag bis zur Hausfassade. Hier war der stärkste Gegensatz zu Klinger erreicht. Nicht äußerem Einfluß war es erlaubt, die Kunst zu beherrschen, die Kunst vielmehr erhob den Anspruch, diktatorisch das Leben zu gestalten. Zeugnis hierfür sind in der Ausstellung die Graphiken von Leistikow, der als erster in Deutschland die Natur – Wälder und Seen – ins Ornamentale verwandelte, und die Farbholzschnitte von Otto Eckmann, der seine immer wieder dargestellten Schwäne durch einen mißverstandenen Japanismus gleichfalls ornamentalisierte und schließlich in weiser Zurückhaltung ihre Wiedergabe der Teppichfabrikation in Scherrebek überließ.

Der späte Impressionismus hingegen, in Celle hervorragend repräsentiert durch Liebermann und Corinth, ging keineswegs so weit. Sein Ehrgeiz beschränkte sich auf das Kunstwerk selbst. Er war – eben dank dieser Beschränkung – vollendeter Vertreter des l’art pour l’art. Ein Polospiel von Liebermann etwa ist so sehr nur noch Bewegung, daß das Thema nahezu gleichgültig und die künstlerische Darstellung alles ist. Noch stärker ist dies bei Corinth. Christus und die Schächer am Kreuz, man könnte diese Litho auch nennen: Variation des Am-Kreuze-Hängens.