Rheydt, Anfang April

Anton Tschechows erste Arbeit für die Bühne „Unnütze Menschen“ war lange verschollen. Der zwanzigjährige Medizinstudent, der sie 1880/81 in Moskau schrieb, hoffte vergeblich, das Mokauer „Kleine Theater“ werde sie aufführen. Vielleicht war dieser Mißerfolg daran schuld, daß Tschechow danach Humorist und Erzähler wurde und erst viel später wieder Schauspiele schrieb. Alles aber, was der ältere Tschechow für die Bühne dichtete, ist vorgebildet in jenem ersten Stück „Unnütze Menschen“, das der Regisseur Fred Schroer jetzt in Rheydt aufführte. Er strich zwei Drittel des Textes und kam immer noch auf eine Vorstellung von dreieinviertel Stunden.

Erstaunlich, wie plastisch der Zwanzigjährige die verfallende Gesellschaft des alten Rußland auf die Szene stellt: die Generalin, auf deren Gut sich die aristokratischen Nachbarn mit verkalkten Militärs treffen, während schon arrivierte Bürgerliche verschiedener Provenienz eindringen... Alle Typen sind profiliert: so zum Beispiel die jüdischen Geldleute, die unter ihrer Politur den Haß der Emporkömmlinge kaum verbergen. Die „russische Seele“ aber spürt man im Landstreicher Ossip, in dem gescheiten, alle Welt kränkenden Schullehrer Piatonoff, der durch den Schuß einer beleidigten Frau von seiner Zerrissenheit erlöst wird. Die Atmosphäre einer an Sinnlosigkeit krankenden Gesellschaft ist breit ausgefächert ...

Vielleicht ist diese Ergänzung des Tschechow-Bildes kein absoluter Gewinn für das Drama, zumal die Handlung einem Rinnsal gleicht und die Hoffnungslosigkeit sich bisweilen schwer aufs Gemüt des Zuschauers legt; das Theater jedoch kann die gespenstische Welt des russischen fin de siècle darstellen. Die dritte Überraschung bot die Aufführung. Daß eine kleine Bühne wie das Rheydter Stadttheater ihr gesamtes Schauspielpersonal aufbieten mußte, um alle Rollen zu besetzen, ist verständlich. Daß es darunter aber keine Fehlbesetzung und manche Überraschung gab, zeugte von kluger Ensemblebildung des Regisseurs. Johannes Jacobi