Der Bevölkerungsüberschuß Schleswig-Holsteins zwingt zur Schaffung neuer Arbeitsplätze. Gerade der Export kann wesentlich zur Industrieausweitung und Arbeitsbeschaffung beitragen, ist also für ein mit Flüchtlingen überbelegtes Land von größter Bedeutung. Neben den alteingesessenen Betrieben haben sich in Schleswig-Holstein in den letzten Jahren, mit Unterstützung der Landesregierung, die verschiedensten exportorientierten Industriezweige neu angesiedelt, so daß dem Lande ein reichhaltiges Exportsortiment zur Verfügung steht, das von Roheisen über Schiffs- und Maschinenbau, Feinmechanik, Optik und Textilien bis zur Kunstblume reicht.

Für die Beantwortung der Frage nach Umfang und Trägern der Ausfuhr seien die Ergebnisse von 1951 herangezogen. Industrie, Handwerk und Handel konnten 1951 einen Ausfuhrerlös im Gegenwert von rd. 250 Mill. DM erreichen und damit das Vorjahrsergebnis von 123 Mill. mehr als verdoppeln. Neben der Steigerung an sich ist besonders erfreulich, daß der Anteil der Fertigwarenausfuhr sich von 74 v. H. im Jahr 1950 auf 82 v. H. 1951 beachtlich erhöht hat. (Hierin sind außer Schiffsbauten auch Schiffsreparaturen und -umbauten als besonders lohnintensive Arbeiten als Fertigwaren einbezogen.) Bei der Ausfuhr steht obenan die Werftindustrie (Neubauten, Umbauten und Reparaturen) mit 28,7 v. H. des Ausfuhrergebnisses; ihr hoher Bestand an ausländischen Aufträgen aus aller Welt verspricht für die Zukunft eine weitere Steigerung. An zweiter Stelle folgt der sehr vielseitige Maschinenbau mit 22 v. H., und zwar mit Lieferung von Erzeugnissen des Schwermaschinenbaues (Großraumbagger, Förderanlagen, Kräne, Dieselmotoren für Schiffsantrieb und stationäre Zwecke) und des allgemeinen Maschinenbaues (Maschinen für Textilindustrie, holzverarbeitende Industrie, Nahrungsmittelindustrie), schließlich des Leichtmaschinenbaues (Verbrennungsmotoren, Kompressoren, Pumpen). Dann folgt die Roheisenausfuhr des Hochofenwerks Lübeck mit 7 v. H., vorwiegend nach Schweden, Dänemark und Polen. Weiter ist die Eisen-, Blech- und Metallwarenindustrie mit knapp 7 v. H. zu nennen, die vor allem Erzeugnisse der Eisen- und Metallgießereien (Badewannen, sanitäre Einrichtungen, Öfen, Herde, Haus- und Küchengeräte) nach fast allen europäischen und vielen überseeischen Ländern exportiert. Mit 6,5 v. H. folgen Leder und Textilien, hier vor allem Fischereinetze nach Skandinavien, aber auch nach Übersee (Kanada und USA), sowie Lodenstoffe, Wolldecken und Bekleidungs- und Schuhleder des namhaften Textil- und Lederzentrums Neumünster nach fast sämtlichen ausländischen Märkten. Wichtiger Exportträger (6 v. H.) ist ferner die feinmechanische und optische Industrie sowie die Elektroindustrie, die mit Spezialerzeugnissen (z. B. Gasschutz-, Atem- und Rettungsgeräten), mit Telefon- und Radioapparaten, Signalanlagen, Echolotanlagen, medizinischen und optischen Geräten nach allen Erdteilen ausführt. Zu erwähnen bleiben die chemische Industrie (Superphosphat, Farben und Lacke, Pharmazeutika und Chemikalien) und die keramische Industrie mit Wandplatten und Steingutgeschirr. Einen bedeutenden Devisenerlös erbrachten schließlich noch die schleswig-holsteinischen Zementfabriken.

Neben dieser Aufzählung der wichtigsten Erzeugnisse der gewerblichen Wirtschaft (84 v. H. der Gesamtausfuhr) verdient der Erfolg der Ernährungswirtschaft, deren Export von 5 v. H. in 1950 auf 16 v. H. in 1951 stieg, besondere Erwähnung. Gerade Schleswig-Holstein kann neben lebendem Vieh hochqualifizierte Spezialerzeugnisse der Veredelungswirtschaft (z. B. Dosenschinken, Räucherfische, Fischkonserven), des Gartenbaues und der Baumschulen für den Export liefern. Daneben haben Spezialitäten wie Lübecker Marzipan und Flensburger Rum wieder auf ausländischen Märkten Fuß fassen können.

Bei Aufgliederung nach Bestimmungsländern zeigt sich, daß die Exporte zu 87 v. H. nach europäischen, zu 13 v. H. nach überseeischen Märkten gingen. Schweden und Norwegen führen mit Abstand vor England und Dänemark. Der Anteil der vier skandinavischen Länder an der Ausfuhr betrug 49 v. H., so daß auch 1951 das Schwergewicht der Ausfuhr in Skandinavien lag. Abgesehen von der günstigen Standortlage bildet die wirtschaftliche Struktur der skandinavischen Länder die beste Voraussetzung für einen regen Warenaustausch mit Schleswig-Holstein. Nahrungsmittel und Rohstoffe (Eisenerz, Holz) aus Skandinavien stehen schleswigholsteinischen Industrieerzeugnissen gegenüber. Aus dieser Ergänzung der Wirtschaftsräume haben sich die traditionellen Handelbeziehungen entwickelt.

Ein bedeutender Devisenerlös ist aus Dienstleistungen zu verzeichnen, die 1951 den Gegenwert von rd. 60 Mill. DM erbrachten. Mit dem Anwachsen der Tonnage schleswig-holsteinischer Reedereien sind die Einnahmen aus Devisenfrachten der wichtigste Posten der Dienstleistungen geworden – vor den Einnahmen aus dem Hafen- und Kanalverkehr, besonders aus dem Nordostseekanal, einem der meistbefahrenen Schiffahrtswege der Welt, der 1951 von 52 600 Schiffen mit rd. 21 Mill. NRT passiert wurde, wobei bedeutende Devisenbeträge für Kanal-, Lotsen- und Maklergebühren sowie für Schiffsausrüstung und Bunkerkohle vereinnahmt wurden.

Dieser Überblick zeigt, daß Schleswig-Holstein 1951 mit einem Gesamtdevisenerlös aus Ausfuhr und Dienstleistungen von rd. 310 Mill. DM aufwarten konnte. Trotz der Verschärfung des internationalen Wettbewerbs, der Schwierigkeiten der Materialversorgung unserer Exportindustrie und der Hemmnisse im West-Ost-Handel ist zu hoffen, daß es den Bemühungen der Außenhandelswirtschaft gelingen wird, sich durch schärfste Kalkulation und durch Rationalisierungsmaßnahmen die Wettbewerbsfähigkeit im Ausland zu erhalten.