Wir haben alle zu Hause unsere Grillen und mein Vater hat die meisten. Das spricht, wie Sie wissen, für Naturliebe, und die ist dann auch nicht gering bei uns, obschon wir wenig Manschesterkleidung tragen. Aber wir legen Wert auf Frühaufstehen; auch wenn der Morgennebel noch so kalt ist, so daß man Schnupfen davon bekommt. Während Mutter mit einem Bündel Reisig, dessen Weihrauchduft sich durch den Garten bis zum Wasser hinzieht, den Herd anmacht, gehen wir in dem Tümpel hinter unserem Haus schwimmen. Einige Leute behaupten, Vater sei faul; aber ich glaube, er ist nur schlau.

Bevor wir in die Schule gehen, müssen meine vier Brüder und ich unser Essen durch Gartenarbeit selbst verdienen. Unser Haus, ein altes Bauernhaus, ist von Amts wegen für unbewohnbar erklärt worden; aber über das Schild, auf dem diese Behauptung zu lesen ist, sind die Rosen gewachsen. Wir brauchen jedenfalls keine Miete zu bezahlen. Im Wasser hinter dem Garten liegt unser früheres Haus, ein Wohnschiff, in dem mein jüngster Bruder und ich noch immer schlafen. Es ist zugleich unser Museum: „Natura vivens“ haben wir es getauft. Wir besitzen dort acht Sorten Frösche und je ein Paar von sämtlichen Wassertieren der Gegend. Ferner hausen dort Tauben, Kaninchen, ein Eichhörnchen, ein Igel, weiße Mäuse, Tausendfüßler in einer Flasche, Ameisen in einem alten Aquarium, Ringelnattern und noch eine ganze Sammlung Schmetterlinge; aber die sind natürlich nicht mehr am Leben.

Während des Krieges hat Vater angegeben, daß er Direktor von unserem Museum sei. In Wirklichkeit war er Zimmermann; aber nun brauchte er nicht, wie seine anderen Handwerkerkollegen, unterzutauchen. Aber er mußte sich irgendwo in Den Haag in eine Liste eintragen lassen. Vier Jahre nach Kriegsschluß ging der Ärger los. Wir bekamen Fragebogen in englischer Sprache zugestellt. Daniel, mein ältester Bruder, sagte, sie kämen von einer UNO-Kommission für zoologische Museen; jedenfalls hätten sie mit Tieren zu tun. Er beantwortete so viele Fragen, wie er nur konnte. Eineinhalb Monate lang geschah nichts. Vater meinte, die Leute von der UNO hätten viel zu tun.

Eines Tages erschien Roelants, der Postbote, und setzte sich in die Küche. Er hatte einen Brief bei sich und da wir nicht zu Hause waren und Mutter das Lesen verlernt hatte, sagte sie zu ihm, er solle ihr nur erzählen, was darin stünde.

Der Brief kam von der UNESCO („dat is van die dikke uit Joejork“, sagte Roelants) und ferner stand darauf: „Monsjeur“. Mutter steckte den Brief hinter die Uhr und dort vergaß sie ihn. Bis eines Tages ein dickes Paket aneinandergeklebter Formulare ankam – obenauf eins vom Zollamt. Vater sagte, wir müßten alle die Schule schwängen, weil wir in Amsterdam „Lebendes Gut“ abzuholen hätten. Um vier Uhr morgens machten wir uns mit dem Viehwagen von Timmers, der im Keukendijk wohnt und immer sein Pferd bei ans auf die Weide schickt, auf den Weg nach Amsterdam. Um acht Uhr hatten wir schließlich den Schuppen gefunden, wo wir uns einfinden sollten. Er lag an einem Kai, wo richtige Seeschiffe anlegen.

Vater ging in den Schuppen und wir paßten im Mieke, das Pferd, auf. Zwei Mann begannen ein großes Tuch über die Seitenwände unseres Wagens zu nageln: „Gift from the UNESCO“ stand darauf. Dann kam, riesig, würdevoll und so rührend anzuschauen, eine Giraffe aus dem Schuppen, mit einem Blatt Papier im Maul. Vater, der von uns allen am meisten die Ruhe behielt, führte das Tier kaltblütig die Wagenklappe herauf; während er ständig nach oben, nach den drehenden Ohren rief: „Braaf zo jongen, huil man niet, braaf dier, hoor.“ Mit der gleichen Gelassenheit, mit der er abends die Ziege festband, knüpfte er das Giraffenhalfter an den Kutscherbock, rief den Leuten, die sich inzwischen ansammelt hatten, ein „Bedankt, hoor“ zu und zog die Zügel an.

„Wir nennen ihn Henkie“, sagte er zu uns. Henkie war der Name eines lang auf geschossenen Vetters, der auch so große Augen hatte. Bei der Fahrt durch die Stadt guckte „Henkie“ in alle oberen Stockwerke hinein. Da wir auf die Straßenbahndrähte achtgeben mußten, fuhren wir die Grachten entlang. Dort rupfte Henkie Zweige von den Bäumen. Alle Leute staunten über uns. Polizisten auf Motorrädern machten uns den Weg frei, und auf dem Dach eines Autos saß ein Mann, der uns filmte. Auch sahen wir einen Herrn, der fast so einen Anzug anhatte wie Henkie; aber Henkie stand er besser.