Von IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Siegfried John

Flensburg, jahrhundertelang geographischer Mittelpunkt des von der Königsau bis zur Eider reichenden ehemaligen Herzogtums Schleswig, konnte sich dank seiner günstigen Lage an dem großen nord-südlichen Verkehrsweg und am Ende einer 35 Kilometer tief in das Land hineinschneidenden Meeresbucht zu einem Gemeinwesen voll pulsierenden wirtschaftlichen Lebens entwickeln. Gestützt auf, einen leistungsfähigen Großhandel, eine vielgestaltige Industrie und eine ausgedehnte Reedereiflotte (vor dem ersten Weltkriege die größte im ehemaligen Land Preußen!), erstreckte sich sein wirtschaftliches Einflußgebiet weit über den schleswigschen Wirtschaftsraum hinaus bis nach Innerdeutschland und dem Ausland. Durch die Abtretung Nordschleswigs an Dänemark wurde Flensburg 1920 Grenzstadt, also in schwerster Zeit nach einem verlorenen Kriege. Erfreulicherweise ist Flensburg während des zweiten Weltkrieges von Luftangriffen verschont geblieben; auch fanden Demontagen von Industriebetrieben nicht statt. Allerdings ging die Flensburger Reedereiflotte völlig verloren. Zudem wurden, durch den „Eisernen Vorhang“ die lebhaften Handelsbeziehungen zu den mittel- und ostdeutschen Gebieten sowie den baltischen Ländern völlig unterbunden. Auch warf der Zustrom vieler Heimatvertriebener ernste Probleme auf. Gerade diese Schwierigkeiten gaben aber Veranlassung, alle Kräfte zu ihrer Überwindung einzusetzen.

Bereichert durch leistungsfähige heimatvertriebene Unternehmer und gestützt auf fleißige und gut ausgebildete Arbeitskräfte, wurden bestehende Fabrikationsbetriebe durch Aufnahme weiterer Fertigungen (Küstenmotorschiffe, Spezialarmaturen, Papier – Erzeugnisse) ausgeweitet und neue Unternehmungen (Bekleidungs-, Textil-, Lebensmittel- und Getränkeindustrie sowie Optische Industrie) begründet. Darüber hinaus gelang es einer Reihe von Industriezweigen (Spirituosenindustrie – „Flensburger Rum“ –, Papierwarenindustrie), ihren Absatz auf weite Teile des Bundesgebietes auszudehnen. Ebenso war es der Werftindustrie wie auch der eisen- und metallverarbeitenden Industrie (Holzbearbeitungsmaschinen, Meiereimaschinen, Armaturen, Kupfer- und Messingerzeugnisse) möglich, auch im Exportgeschäft wieder festen Fuß zu fassen. Der Groß- und Außenhandel sowie das Speditionsgewerbe vermochten insbesondere aus ihrer Grenzlage durch Einschaltung in das Im- und Exportgeschäft mit den skandinavischen Ländern recht erheblichen Nutzen zu ziehen. Die Flensburger Trampreeder konnten mit Hilfe der zuständigen Stellen tatkräftig an den Wiederaufbau ihrer Schiffsflotte gehen (I. 1. 1952: 22 327 BRT).

Trotz dieser Fortschritte bleiben aber noch viele Fragen zu lösen. Die Arbeitslosigkeit, die in Flensburg immer noch weit über dem Bundesdurchschnitt liegt, kann nur durch weitgehende Umsiedlung von Heimatvertriebenen beseitigt werden, zumal es trotz aller Anstrengungen kaum möglich erscheint, noch zusätzliche Arbeitsplätze in ausreichendem Umfange zu schaffen. Darüber hinaus bedarf es zur Milderung der Verkehrsferne einer verständnisvollen Gestaltung der Eisenbahnlinie, einer Entlastung von sich aus“ der Grenzlage ergebenden höheren Abgaben und Leistungen sowie einer pfleglichen Behandlung bei allen kreditpolitischen Maßnahmen. Unabhängig hiervon wird aber die fortschreitende Integration Her europäischen Wirtschaft gerade für Flensburg als Grenzstadt neue umfangreiche Möglichkeiten der Betätigung erschließen.