In seinem Roman „Isabelle“ hat André Gide von einem Sammler erzählt, der nicht nur alle Bücher und Manuskripte seines dichterischen Idols in seinen Besitz bringen wollte, sondern auch recht profane Gebrauchsgegenstände und gar eine Schamlocke Baudelaires ... Auf der „47. Buch- und Graphikauktion bei Dr. Hauswedell in Hamburg“ aber wurde im Katalog als Nr. 224 eine „Haarlocke“ von Goethe angekündigt. Sie lag in einem kleinen, ovalen Goldrahmen unter Glas, von einem verblaßten Seidenbändchen zusammengehalten; ein posthumes Begleitschreiben der Caroline Riemer bescheinigte zwar ihre Echtheit – aber es war doch eine ganz gewöhnliche braune Haarlocke, die sich von keiner anderen gleicher Farbe unterschied ...

Natürlich fand sie einen Bewerber; ja, der Schätzpreis von 200 DM wurde sogar überboten: sie wurde mit 310 DM zugeschlagen. Wie aber mochte es nach Goethes Locke nun Goethes „Werken“ ergehen? Denn für ganze 100 DM hatte man auf der letzten Auktion im Herbst die 55bändige Kleinoktav-Ausgabe „letzter Hand“ vergeblich ausgeboten. Jetzt aber kletterte sie höher: 250 DM brachte sie ein, nur 60 DM weniger als die Locke ... Klassiker- und Romantiker-Erstausgaben sind auf einmal wieder begehrt. Das gilt auch für Schiller, Wieland, Geßner, Lenz, Brentano, ganz abzusehen von der hohen Bewertung besonders seltener Stücke wie Stifters „Nachsommer“ (1857) und „Witiko“ (1865/67), die mit 180 und 210 DM rasch weggingen.

Auf den Buch- und Kunstauktionen, bei Faber in München, Ketterer in Stuttgart oder Hauswedell in Hamburg, sind die privaten Sammler und die Vertreter der Staats- und Universitätsbibliotheken heute in der Minderzahl. Die meisten Besucher kommen aus dem Antiquariats- und Kunsthandel. Dadurch wird wieder eine Art „internationaler Austausch von Kulturwerten“ ermöglicht, zumal demnächst die Liberalisierungsliste auf Kunstgegenstände und Antiquitäten ausgedehnt werden soll. Mit solcher Einfuhrerleichterung wird es möglich sein, einstigen deutschen Kunstbesitz aus dem Ausland zurückzukaufen. Auch zeigt sich, daß ein „Ausverkauf“ deutscher Kulturwerte, den mancher in der Zeit vor der Währungsreform befürchtete, zum mindesten heute abgestoppt ist. Bei der Hauswedell-Auktion blieb die Mehrzahl der „Spitzenwerte“ in Deutschland: das kostbare „Livre d’heures“ nordfranzösischer Herkunft (15. Jahrhundert, Zuschlag für 2900 DM) oder der Blaeu-Atlas, dessen Deutschlandband (Amsterdam, 1664) bei einem Anfangsgebot von 720 DM auf 2600 DM gesteigert wurde.

Unverständlich ist allerdings, daß bei den Autographen, unter denen es hervorragende Stücke gab, das deutsche und speziell das hamburgische Interesse bei einem Objekt völlig versagte: die zehn Nummern umfassende Sammlung von Schriftstücken und Briefen Kaiser Wilhelms II. an Albert Ballin blieb nicht zusammen, sondern ging zu sehr hohen Preisen einzeln ins Ausland (USA, Schweiz, Holland). Hauswedell hatte versucht, im voraus das Staatsarchiv, die HAPAG, den „Verein deutscher Reeder“ und einzelne ihm persönlich bekannte Privatreeder für diese geschlossene Kollektion zu interessieren, zumal sie sehr bedeutende Dokumente über die deutsche Handelsschiffahrt, über die Verflechtung von Handel und Politik und Deutschlands Verhältnis zu England und Rußland enthält. Die Hamburg-Amerika Linie schrieb an Hauswedell, daß sie gegenüber dem Hamburger Staatsarchiv, das Interesse zeige, zurückstehen und die Preise nicht treiben wolle; das Staatsarchiv aber ließ sich weder bei der Vorbesichtigung noch bei der Auktion vertreten. Man kann sich nicht vorstellen, daß in einem Stadt-Staat, der sonst einen wahren Kult mit „Hamburgensien“ aller Art treibt, die 2000 DM fehlen, die den Erwerb dieser wichtigen Dokumente ermöglicht hätte.

Christian Otto Frenzel