Das allzu eintache Rezept der Demokratie – Beobachtungen und Gespräche im unruhigen Land am Nil

Von Marion Gräfin Dönhoff

Unser Redaktionsmitglied Marion Gräfin Dönhoff hat eine Reise durch die Länder des Nahen Ostens angetreten. Im folgenden berichtet sie über die politische und soziale Situation Ägyptens.

Kairo, Anfang April

Siebeneinhalb Stunden dauert der nächtliche Flug von Rom nach Kairo mit der ägyptischen Linie SAIDE. Gegen vier Uhr morgens taucht mondbeschienen die nordafrikanische Küste auf, und in blaßblauer Morgendämmerung fährt man vom Flugplatz der Hauptstadt zu, dieser Großstadt, die wie kaum eine andere die Krankheitskeime unserer Zivilisation enthüllt. Wie ein sich ständig ausbreitendes Gewächs sitzt Kairo in diesem fruchtbaren und zugleich unendlich armseligen Lande, macht die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer. Sie zieht magnetisch immer mehr Menschen in ihren Bann, und der Arme, der einmal die vibrierende Luft geatmet hat, will nicht mehr aufs Land zurück, auch wenn er seine Armut in der Fellachenhütte leichter ertragen könnte.

Leere Fensterhöhlen

Überall in der Stadt sieht man die geschwärzten Fensterhöhlen der ausgebrannten Häuser, Läden und Hotels, die mit Gerüsten und Bretterwänden geschickt verkleidet sind. An 700 Stellen, so steht es in dem offiziellen Bericht, hat es zugleich gebrannt. 40 Hotels sind vernichtet, es gibt kein Kino mehr. An einem einzigen Tag ist mit einer phantastisch anmutenden Organisation, nach einem geheimnisvollen Plan und doch scheinbar zufällig, in wenigen Stunden dieses Vernichtungswerk abgelaufen. Wer steht dahinter? Das ist die Frage, die alle Gemüter täglich von neuem beunruhigt. Jeder wird verdächtigt. Gewiß, es waren exaltierte Studenten, die als Brandstifter mit Benzin und Fackeln durch die Stadt liefen. Aber wer entwarf den Plan? Wer sorgte für seine präzise Durchführung in einem Lande, das keine ausgesprochene Begabung für Organisation und Präzision hat? Niemand kann es bis heute sagen. Und gerade die Tatsache, daß es keine eindeutige Erklärung gibt, erzeugt eine deutlich spürbare Unruhe und Bedrückung.