Kiel macht erfolgreiche Anstrengungen, seinen beinahe 260 000 Einwohnern (also der Vorkriegszahl), trotz veränderter Grundlagen, Lebensmöglichkeiten zu schaffen. Sieben Jahre nach dem Zusammenbruch ist Kiel eine Stadt, die zwar noch darunter leidet, daß insbesondere das Ostufer, gern als der eine „wirtschaftliche Lungenflügel“ der Stadt bezeichnet, auf Grund der Kriegseinwirkungen und der Demontagen erhebliche Ödflächen, gesprengte Kaimauern und noch nicht wieder genutztes Industriegelände aufweist, Die großen Komplexe der Germania-Werft, der Deutschen Werke und des Arsenals waren bis vor kurzer Zeit noch mehr oder minder zerstört und „tot“. Inzwischen wächst diesen Ruinen allmählich neues Leben.

Neben dem Fernsehapparatebau, einer Strumpf- und Trikotagenfabrikation, der Herstellung und Elektro- und Textilindustriezubehörteilen, der Konserven- und Dosenerzeugung bilden hier die Waggonreparatur, der große Nebenbetrieb der Maschinenfabrik Kiel (MAK) und die von den Maschinenfabrik voll ausgenutzten Docks den neuen Mittelpunkt. Mit besonderer Liebe haben sich Landesverwaltung, Stadt und Wirtschaft des Ausbaues des Kieler Seefischmarktes angenommen. Dieser Markt, der sich neben den anderen deutschen Märkten sich entwickelt, hat den Vorzug, mit einem Sortiment aus Nordsee- und Ostseefischer aufwarten zu können, das noch um die Süßwasserfische aus dem Lande Schleswig-Holstein bereichert wird.

Die Howaldtswerke, Schleswig-Holsteins größte Werft, beschäftigen in Tag- und Nachtschichten 7000 Mann und nehmen in steigendem Maße wieder Zulieferbetriebe aus Kiel in Anspruch. Größte Anstrengungen waren nötig, um den Teil der Deutschen Werke in Friedrichsort zu erhalten. Hier arbeitet heute die Maschinenfabrik Kiel mit ihrem Hauptbetrieb, der mit der Fabrikation von Dieselmotoren und Spinnereimaschinen neben dem Waggonbau ausgelastet ist. Dieser Betrieb, das zweitgrößte wirtschaftliche Unternehmen der Stadt, sichert 3500 Arbeitern die Existenzgrundlage und bildet für eine Reihe von Zulieferbetrieben einen willkommenen Abnehmer. Während nach dem Kriege Spezialbetriebe der Feinwerktechnik, wie die Electroacustic und Hagenuk, vor der Frage standen, wie sie ihre hochqualifizierte Facharbeiterschaft auf Friedensproduktion umstellen sollten, sind auch diese Betriebe mit dem Wiedererstarken der deutschen Wirtschaft im Inlandabsatz und auch im Export gut vorangekommen. Mit der Übersiedlung der Filmpapierfabrik „Mimosa“ aus der Sowietzone, der Errichtung eines großen Zweigbetriebes von Zeiß-Ikon, mit einem im Export erfolgreichen Unternehmen der Strickmaschinenproduktion wie Hertel & Richter, hat Kiel eine glückliche Hand im Ansatz guter und standortmäßig günstig gelegener Betriebe zur Ausnutzung ehemaliger Wehrmacht- oder Rüstungsbetriebe bewiesen. Hierfür stand die entsprechende Facharbeiterschaft allerdings stets zur Verfügung. Auch den Flüchtlingen, die heute immerhin einen Anteil von rund einem Fünftel der Gesamtbevölkerung bilden, konnte Kiel zahlreiche Arbeitsplätze schaffen, zumal auch im Rahmen der Wiedererrichtung des Seefischmarktes die Kieler Fischindustrie eine erhebliche Verstärkung erfahren hat, so daß sie heute einen hohen Prozentsatz der deutschen Gesamtkapazität in der Fischverarbeitung (u. a. Holdorf & Richter Gabelfisch K.G., Nordland, Rönnau, Otto Richter K.G., Schrödter) erreicht hat. Mit Zähigkeit haben die Pumpen-, Motoren- und Maschinenfabriken und Gießereien, von denen Werke wie Bohn & Kähler, R. Prey, EDUR, August G. Koch, Vollert & Merkel, Redlien und andere im In- und Ausland einen guten Ruf haben, neue Absatzmärkte erobert. Aus dem Gedanken, für den sich wieder belebenden Ostuferkomplex die verlorenen Arbeitsplätze an anderer Stelle zu schaffen, wurde auch eine relativ große Bekleidungsindustrie der Damen- und Herrenoberbekleidung geschaffen. Im Rahmen der Ernährungsindustrie konnten die Holsatia-Mühle, die Brauereien und Spirituosenbetriebe und Fleischwarenfabriken wie Ehlers & Co. ihre Kapazitäten nach erheblichen Kriegsschäden wieder aufbauen.

Bei der Aktivierung der wirtschaftlichen Möglichkeiten war die Tatsache, daß Kiel Sitz der Landesregierung wurde, von großer Bedeutung. Die Versorgung des engeren schleswig-holsteinischen Raumes, der von 1,5 Millionen Menschen nach dem Zusammenbruch auf rund 2,7 Menschen anwuchs, stellte den Großhandel der Stadt deshalb vor große Aufgaben, weil Kriegsschäden und die Kapitalnot des Handels nach dem Währungsschnitt eine besondere Anpassungsfähigkeit verlangten. Auch der Einzelhandel hat seinen Beitrag zum Wiederaufbau geleistet. So hat sich Kiel zu einem wirklichen Anziehungspunkt sich die Masse der Käufer entwickelt, denen von der Stadtverwaltung durch die Schaffung der Ostseehalle für sportliche Veranstaltungen und Ausstellungen ein zusätzlicher Anziehungspunkt geboten wurde. Auch den Bankinstituten gelang der Beweis, daß Kiel seine Bedeutung als größter Bankplatz und ein wirtschaftliches Zentrum des Landes nicht verloren hat.

Ein besonderer Blick gilt Kiel als Seehafen. Der Handel mit den skandinavischen Ländern und Osteuropa weist zwar allmählich größere Umsätze aus, hat aber wegen der Schwierigkeiten im Handel mit den Ostblockstaaten noch lange nicht seinen früheren Umfang zurückgewonnen. Um so stärker muß Kiel den Nordostseekanal in Rechnung setzen, der mit seinem’starken Verkehr die unmittelbare Seeverbindung zum westlichen Auslande und den industriestarken Teilen des Bundesgebietes darstellt. Kiels Kaufmannschaft hat das Ausrüstergeschäft und insbesondere das Bunkergeschäft allen Anforderungen angepaßt. Es ist aber für die Stadt lebenswichtig, die vorhandenen Seehafenausnahmetarife ausgebaut zu sehen, um Kiel mehr als bisher sowohl für den Kanal wie auch für den Kieler Hafen selbst in den Güterumschlag einzubauen. Siloanlagen und Lagerhäuser stehen am Nordhafen bereit. Weitere lassen sich am Scheerhafen und, bereit. nicht schon vorhanden, am Binnenhafen schaffen. Hier können für Kiel manche Posten schaffen. werden, die zur wirtschaftlichen Gesundung der Stadt beitragen, ohne daß der Besitzstand anderer Seehafenstädte ernstlich berührt wird. Nicht von ungefähr ist Kiel jetzt ein Platz, an dem zahlreiche Reedereien ihren geschäftlichen Sitz errichten.

Industrie, und Handel, Bank Wirtschaft und Verkehr haben ihren Beitrag für das Wiedererstarken des wirtschaftlichen Lebens der Landeshauptstadt gleichermaßen geleistet. Ein gesunder Trend ist hier auf allen Gebieten zu erkennen. Eine Entwicklung, deren Ausbaufähigkeit nicht nur im Interesse der Stadt, sondern auch des gesamten Bundesgebietes liegen sollte, ist die stärkere Intensivierung der wirtschaftlichen Möglichkeiten am Nordostseekanal, denn Kiel will nicht nur geographisch „ein Punkt am Kanal“ sein, sondern die wirtschaftlichen Vorteile, an einer Weltwasserstraße zu liegen, im Gesamtinteresse nutzen.