Von Paul Hühnerfeld

Nicht alle, die helfen wollen, sind zum Helfen berufen: unser Bericht wendet sich heute so fragwürdigen „Ärzten“ wie Bruno Gröning und Schäfer Ast zu. Wohlverstanden: fragwürdig im echten Sinne dieses Wortes, wonach fragwürdige Dinge und Menschen des Nachdenkens und des Sichmit-ihnen-Besehäftigens wert sind.

In die Klinik Viktor v. Weizsäckers wurde Bruno Gröning eingeladen, damit er dort für einige Wochen unter ärztlicher Kontrolle seine „Wunder“ ausführe. Bruno Gröning hat dort zwar keine Wunder, aber Heilungen durchgeführt. Der schwarzhaarige Danziger mit dem Habitus eines heruntergekommenen Propheten“, wie die „Zeit“ schon vor zwei Jahren schrieb, leistet noch heute erstaunliche Dinge: er suggeriert den Patienten Magengeschwüre fort, macht Gelähmte gehend, befreit Asthmatiker von ihren Qualen.

Man weiß, wo, und wie es anfing: In einer kleinen Villa am Wilhelmsplatz zu Herford in Westfalen war Gröning als Flüchtling aus dem Osten nach einem Umweg über Duisburg gelandet; er hatte die kleine Tochter seiner Wirtsleute geheilt und war aus Dankbarkeit als Gast aufgenommen worden. Schon sammelten sich die ersten Gebrechlichen in Herford. Schon wurde eine Konferenz abgehalten, die einige Männer um Gröning veranlaßt hatten. Damals ahnten Sie kaum, daß sie in den nächsten zwei Jahren den erfolgreichsten Beruf des zwanzigsten Jahrhunderts ausüben würden: nämlich Manager zu sein. Damals schien in Herford die Sonne, es war ein warmer Frühlingstage, aber die Fenstervorhänge des Zimmers, in dem die Konferenz stattfand, waren zugezogen.

Im Zwielicht hat die Affäre Gröning zwei Jahre gestanden. Die Kunde von phantastischen Heilerfolgen wechselte mit Gerüchten ab, die den „Meister“ bezichtigten, mit der Frau seines Gastgebers in unerlaubten Beziehungen zu stehen. Es waren Gerüchte, die einmal Grönings Selbstlosigkeit, das andere Mal den Lebenswandel eines ganz und gar haltlosen Menschen charakterisierten. Auch das Gutachten v. Weizsäckers, das die magisch-suggestiven Fähigkeiten Bruno Grönings anerkannte? hat dieses Zwielicht nicht vertreiben können, obwohl der „Meister“ auch auf Grund dieser Arbeit jetzt von einem Münchner Gericht freigesprochen wurde. In diesem Münchner Prozeß ging es nicht um Kranke oder Gesunde oder um die Frage, ob Gröning heilen kann oder nicht –; es ging um anderes. Gröning wurde angeklagt, weil er angeblich gegen das Heilpraktikergesetz verstoßen habe. Dieses Gesetz besagt unter anderem: Alle Heilpraktiker müssen sich einer Prüfung unterziehen. Erst wenn sie die bestanden haben, dürfen sie ihren Patienten Rezepte verschreiben und Geld für die Behandlung nehmen.

Rezepte hat Bruno Gröning nie verordnet. Er war ja „Von Gott gesandt“, wie er schon vor zwei Jahren in Herford sagte. Er benötigte nicht Pillen und Säfte. Er legte die Hände auf, er sah seine Kranken an, er sprach mit ihnen ...Manchmal tat er noch nicht einmal das: Ein einfacher Zettel, auf den die Kranken ihre Leiden schrieben, gelangte in die Hand des „Meisters“, der den Schreiber gar nicht gesehen hatte, ihn nun aber „fern-heilte“. Heute hat er seine Methode vereinfacht. Jeden Donnerstag nämlich heilt er in dem Münchner Vorort Graefeling im Fremdenheim der Gräfin Weikersheim mit Hilfe „angesprochener“ Stanniolkügelchen. Die bekommt der Patient an der Kasse für drei Mark. Dann setzt er sich in einem Saal auf einen Stuhl und wartet. Zuerst kommt die Sekretärin. Sie weist darauf hin, daß es verboten ist, an die Krankheit zu denken; auch darf man nicht die Beine und Hände übereinander schlagen, denn: „Dann wird der Strom unterbrochen, und es gibt Kurzschluß.“ Die Stanniolkügelchen hält man in den Händen. Später erscheint der „Meister“: immer noch im dunklen Polohemd, immer noch mit langen schwarzen Haaren und brennenden Augen. Er sagt: „Grüß Gott, meine lieben Heilungsuchenden.“ Dann beginnt er seine „aus dem Jenseits bezogenen“ Strahlen auszusenden, von denen man ihm gesagt hat, daß sie ihrem „irdischen Charakter nach“ elektrische Strahlen wären. Doch oft gibt’s in der letzten Zeit „Kurtschluß“: immer häufiger erreicht die „magischelektrische Welle“ nicht ihr Ziel –: das kranke Organ des Patienten.

Das Gericht hat Bruno Gröning freigesprochen. Die Ankläger, die wochenlang ihre Zeit geopfert hatten, um Material zu sammeln, konnten nicht beweisen, daß Bruno Gröning Geld forderte. Er selbst erklärte, es handele sich um freiwillige Spenden. Aber wenn er nun Geld gefordert hätte? Hat nicht das Gutachten von Professor von Weizsäcker Grönings Heilkraft bestätigt?