Die englischen und die französischen Sozialisten haben auf einer Tagung in Paris beschlossen, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands zu einem Dreiergespräch über den deutschen Wehrbeitiag, die sowjetische Deutschland-Note, die Probleme der europäischen Zusammenarbeit und die Beziehungen der sozialistischen Parteien Europas aufzufordern. Möglich gemacht wird die beabsichtigte Konferenz, die in Deutschland stattfinden soll, durch die Schwenkung, welche die Labour Party in der Frage der deutschen Wiederaufrüstung neuerdings vollzogen hat. Vor einigen Tagen hielt Hugh Dalton, zuerst Schatzkanzler, später Planungsminister im Kabinett Attlee, vor eine; Parteikonferenz in London eine Rede, in der er, ohne die Politik Attlees und Bevins anzugreifen, sich sehr deutlich gegen den deutschen Wehrbeitrag aussprach. Dalton, der zur Zeit als der Sprecher der Labour Party in der Deutschland-Frage gilt, sprach von der „Drohung des deutschen Militarismus“-und beteuerte, es sei auch Bevins Ansicht gewesen, daß Deutschland gefährlicher als Rußland sei, allein schon wegen der Revisionswünsche, die es an seiner heutigen Ostgrenze erhebe. Die Labour-Regierunghabe der deutschen Wiederaufrüstung seinerzeit nur „sehr vorsichtig“ zugestimmt, als Bevin in den USA „unter Druck“ stand; Die damals von Bevin gestellten Bedingungen, nämlich daß die Atlantikpaktstaaten zuerst aufgerüstet, daß die deutsche Armee der europäischen Armee gänzlich eingegliedert werden und daß die Deutschen selbst vorher ihre Zustimmung geben müßten, seien nicht erfüllt worden.

Diese Rede, der man in der englischen Öffentlichkeit eine ziemliche Bedeutung beilegt, scheint zu zeigen, daß die Labour Party in der Opposition einen ganz anderen Kurs in dieser zentralen politischen Frage zu steuern gedenkt, als vorher in der Regierung. Es enthüllt sich dabei vielleicht weniger das Interesse an dieser Frage selbst als der Wunsch, nach der letzten Krise in der Partei von der Mitte aus, zu der Dalton zu zählen ist, eine Annäherung an den linken Flügel herzustellen, dessen Merkmal eine heftige Feindschalt gegen die amerikanische Außenpolitik ist. Hinzukommt, daß die französischen Sozialisten, die ebenfalls aus der Regierung ausgeschieden sind, auch einen beträchtlichen antiamerikanischen Komplex haben. Dadurch hat sich das Bild gedreht: Während im vergangenen Jahr die englischen und die französischen Sozialisten als Regierungsparteien für den deutschen Wehrbeitrag eintraten und damit im Gegensatz zur SPD standen, finden sich jetzt alle drei großen sozialistischen Parteien Europas in der Remilitarisierungsfrage einigermaßen auf einer Linie, wenn auch nur im Hinblick auf das Nahziel und wenn auch aus verschiedenen Gründen. Diesen Tatbestand aber scheinen die französischen und die englischen Sozialisten für einen Ausgangspunkt zu halten, um die II. Internationale wieder mobil zu machen. H. A.