Der Boß sagte mir vor einiger Zeit, ich würdefür ihn sehr viel wertvoller sein, wenn ich mich nicht auf Politik einließe“, sagte General Alfred M. Gruenther, als ihn die Presse in Washington befragte. Gruenther hatte gerade vor dem Außenpolitischen Komitee des Senats im Namen seines Chefs, des Generals Eisenhower, den Bericht über die Entwicklung der europäischen Streitkräfte abgegeben und die Notwendigkeit begründet, die im neuen Etat vorgesehene Auslandshilfe von 7,9 Milliarden Dollar zu genehmigen. Für den Stabschef Gruenther mag die Zeugenvernehmung vor dem wichtigsten Ausschuß des Kongresses zugleich eine Prüfung auf seine Fähigkeit gewesen sein, der Nachfolger Eisenhowers auf dem europäischen Schauplatz zu werden. Diese Prüfung hat er mit Glanz bestanden. Denn was Außenminister Acheson, Verteidigungsminister Lovett, der Wehrmachtschef General Bradley und der Direktor der Auslandshilfe, Averell Harriman, in ihren vorausgegangenen Aussagen vor dem Komitee nicht fertiggebracht hatten, das gelang seiner klaren, präzisen und soldatischen Art der Argumentation: bei den Parlamentariern, die den Haushaltsvorschlag Trumans für die Milliarden der Auslandshilfe gründlich zu kürzen beabsichtigt hatten, begann die Stimmung ins Gegenteil umzuschlagen.

Der Ausschuß konnte seiner glänzend vorgetragenen und das letzte Detail erschöpfenden Beweisführung nicht widerstehen. Die Senatoren brachten ihm eine Ovation, und der Vorsitzende, Senator Tom Connally, der dringend die Kürzung des riesigen Betrages gefordert hatte, erklärte nach der Vernehmung Gruenthers: „Ich glaube nicht, daß ein Krieg vor der Tür steht, und ich glaube, daß der Grund dafür in der wachsenden Stärke der freien Welt liegt. Woraus wiederum gefolgert werden muß, daß bei einem anhaltenden Wachsen der Stärke die Gefahr eines Krieges sich weiter vermindern wird.“ Das war auch der Kern der Erklärung Gruenthers gewesen. Damit hatte er begründet, daß man in den militärischen und finanziellen Anstrengungen nicht erlahmen dürfe, um die Sicherheit zu schaffen, die das Ziel Westeuropas und Amerikas ist.

Es kann also Eisenhower, der nicht wünschte, daß sein Stabschef sich in die Politik einmischen solle, mit seiner politisch-diplomatischen Leistung ebenso zufrieden sein wie mit seinem militärischen Können, das auch von den ranghöheren europäischen Generalen im Hauptquartier neidlos anerkannt wird, Gruenther gilt dort und im Pentagon als das überragende militärische Gehirn, das mit mathematischer Genauigkeit kurz- und langfristige Verteidigungspläne bis in die kleinsten Details ausarbeitet und ihre Durchführung überwacht.

Die besonderen Fähigkeiten des heute dreiundfünfzigjährigen Generals, der in der Militärakademie von Westpoint ausgebildet wurde und dort auch acht Jahre lang als Dozent tätig war, begannen sich auszuwirken, als er im Oktober 1941 zum stellvertretenden Stabschef der 3. US.-Armee ernannt wurde, deren Stabschef der damalige Brigadegeneral Eisenhower war. Als Eisenhower Generalstabschef der alliierten Streitkräfte wurde, nahm er Gruenther als seinen/Stellvertreter mit, der dann als Stabschef 5. Armee den Feldzug in Nordafrika und /als Stabschef der 15. Alliierten Armeegruppe den in Italien führte. Neben seinen strategischen Fähigkeiten, die Eisenhower veranlaßten, ihn als „einen der hervorragendsten Militärs“ zu bezeichnen, zeigt er eine Art mathematischen Genies und – vielleicht im Zusammenhang damit – ein ganz außergewöhnliches Talent für das – Bridgespiel, über das er ein auch heute noch als Standardwerk zählendes 328 Seiten starkes Buch geschrieben hat.

Es heißt, daß Gruenther nur seinem Vater zuliebe, der in einem Städtchen in Nebraska eine Wochenzeitung herausgab, Offizier geworden sei. Heute stehen auch zwei seiner Söhne als Offiziere in Korea, an einer Front, die aber für den Vater nur eine Nebenfront ist. Seine Front liegt in Europa. Sie so stark zu machen, daß jeder Angriff auf sie zu einer Torheit wird, das ist die Aufgabe, an der der Generalleutnant Gruenther seit dem Januar 1951 gearbeitet hat. Seine Arbeit wird nicht weniger erfolgreich sein, wenn er nach dem Rücktritt Eisenhowers dessen bisherige Rolle auf der internationalen Bühne übernimmt.

Ernst Krüger